Bettagsbetrachtungen sind keine politischen Leitartikel. Sie müssen auch keine Sonntagspredigten sein; das bekam die Zürcher Regierung 1862 von ihrem neuen Staatsschreiber zu spüren. Dass in diesem Amt auf den als Maler wie als Dramatiker gescheiterten 43-jährigen Gottfried Keller kein Verlass sei, hatten die Spötter schon vorausgesagt, bevor er seinen ersten Dienstmorgen verschlief. Und nun schlug der Mann, den man als Jesuitenfresser und bekennenden Atheisten zu kennen glaubte, dem Fass gewissermaßen die Krone ins Gesicht. Er setzte (was seines Amtes war) im Namen der Regierung ein Bettagsmandat auf, das nicht nur die Kanzel erschüttert hätte, von der es (nach gebotenem Brauch) verlesen werden musste, sondern auch ihren Staat. Wohlgemerkt: einen Musterstaat, den einzigen auf dem Kontinent, in dem die Bürgerrevolution von 1848 nicht gescheitert, sondern durchgedrungen war.

Dass Keller der unglücklichen Polen gedachte oder des Amerikanischen Bürgerkriegs – »der kranken Schwester über dem Meere« –, war im liberalen Zürich zwar naseweis, doch immerhin korrekt. Schon bei Kellers Krisenanalyse aber muss den Regierungsräten der Rotstift gezuckt haben: »Es ist die in Geiz verwandelte Bitte um das tägliche Brot, es ist der Streit um Gewinn und irdischen Vorteil, der unter dem Vorwande ökonomischer Notwendigkeit die ältesten und ersten Grundzüge christlicher Weltanschauung verleugnet und in Strömen Blutes erstickt.« So etwas hätte man allenfalls von einem konservativen Gegner erwartet; aber der Staatsschreiber setzt noch eins drauf: »Und wenn auch (…) der große Baumeister der Geschichte in unserem Bundesstaate nicht sowohl ein vollgültiges Muster, als einen Versuch im Kleinen, gleichsam ein kleines Baumodell aufgestellt hat, so kann derselbe Meister das Modell wieder zerschlagen, sobald es ihm nicht mehr gefällt, sobald es seinem großen Plane nicht entspricht.«

Hier wird nicht nur die Republik dem Jüngsten Gericht unterstellt; das könnte man noch unter »Bettag« abbuchen. Aber sie wird auch als Selbstzweck negiert. Sie ist entweder das Probestück eines weitergehenden Projekts, um nicht zu sagen: einer reellen Architektur, oder sie verdient nicht zu sein.

Hier wurde der Regierungsrat zum Zensor: Ein so radikaler Selbstvorbehalt der Republik durfte von keiner Kanzel verkündet werden. Dabei nahm er eigentlich nur den Liberalismus beim Wort. Auch für diesen ist der Staat kein letztes Ding, hat die Verfassung in erster Linie den Sinn, seine Zuständigkeit einzuschränken und die Bürger gegen seine Willkür zu sichern. Aber was für jeden Staat gilt, gilt noch lange nicht für den eigenen; da ist eine Zugabe von Patriotismus gefragt. Kein real existierender Regierungsrat wird gern als Provisorium behandelt. Wenn sich die Macht in die Farben der Nation kleidet, wünscht sie sich Legitimation. Wer sich vom Volk gewählt weiß, hat wenigstens am Bettag Anspruch auf ein wenig Heiligkeit, auch für seine Geschäfte.

Wenn sie damals blühten, so vor allem darum, weil eines der garantierten Freiheitsrechte im Effekt denn doch etwas gleicher war als alle andern. Unter dem unschuldigen Titel Handels- und Gewerbefreiheit entfalteten die Zürcher Industrieherren damals eine grenzüberschreitende Tätigkeit, bei der ihnen der Staat nicht in die Quere kommen sollte, darum besetzten sie seine Spitze lieber gleich mit ihren Leuten. Gegen das »System Escher« seines erfolgreichen Altersgenossen hatte Keller noch als freier Schriftsteller polemisiert und die Hand kräftig gebissen, die ihn bisher gefüttert hatte. Nun glaubte man ihn im gut bezahlten Staatsschreiberamt mundzahm gemacht zu haben. Stattdessen zog er den Herren bei der ersten Gelegenheit nicht nur den Teppich unter den Füßen weg, sondern den Boden des Vaterlandes, den sie für sich gepachtet hatten.

Nachdem die Blase einer globalisierten »Finanzwirtschaft« geplatzt ist, muss man das Bettagsmandat von 1862 als Einspruch gegen ihre Anfänge lesen. Keller reagiert prophetisch drohend gegen jeden Versuch, den Staat für das große Geschäft zu instrumentalisieren. Damals war es Eschers Kreditanstalt, heute ist es die UBS – sie führt nach wie vor das Gütesiegel »schweizerisch« im Logo. Dagegen bot Keller den Bürgersinn von 1848 auf. Im Fähnlein der Sieben Aufrechten lässt er einen biederen Handwerksmeister sagen: »Es wird eine Zeit kommen, wo in unserem Lande, wie anderwärts, sich große Massen Geldes zusammenhängen, ohne auf tüchtige Weise erarbeitet und erspart worden zu sein; dann wird es gelten, dem Teufel die Zähne zu weisen; dann wird sich zeigen, ob der Faden und die Farbe gut sind an unserem Fahnentuch.« Diese Zeit musste Keller noch erleben: sein Alterswerk Martin Salander ist der grimmige Abschied von einer Republik, die ihre Substanz und Glaubwürdigkeit durch grenzenlose Profitsucht verspielt hat. Heute soll der Kleinstaat Schweiz für eine Großbank haften, deren Finanzvolumen sein Bruttosozialprodukt um ein Vielfaches übersteigt. Doch selbst wenn er ihre Schulden bezahlen müsste und könnte, bliebe der Misskredit an ihm haften. Denn zur Geisel dieses Geschäfts und damit über seine Verhältnisse erpressbar konnte er nur werden, weil er, mit seiner Garantie des Bankgeheimnisses, ihr Komplize gewesen ist. Nun hat sich der Standort verzockt, und das Vaterland soll einspringen. Der Bürger soll eine Bank, an der ihm nichts gehört, als seine eigene betrachten, wenn sie Pleite macht. Das ist ein Skandal, dem Kellers Bettagsmandat schon an der Wurzel vorbauen wollte. Nicht zuletzt um den berechtigten Patriotismus vor einer Schieflage zu bewahren, in der er nur noch hilflos reagieren kann, weil ihm, durch eigene Mitschuld, das Wichtigste abhandengekommen ist: politische Zuständigkeit in eigener Sache und damit die Selbstachtung.