DIE ZEIT: Sagt der bald beginnende Prozess gegen den ehemaligen Starchirurgen Christoph Broelsch etwas über den deutschen Medizinbetrieb?

Günther Jonitz: An dem Fall zeigt sich ein gravierendes Führungsversagen an deutschen Universitätskliniken. Die Art mit der Broelsch offenbar Mitarbeiter behandelt hat, wie er seine Klinik geführt hat, ist hoch problematisch. Aus meiner Perspektive repräsentiert Broelsch einen Typ Chefarzt, der längst ausgestorben sein müsste.

ZEIT: Was kennzeichnet diesen Typ Chefarzt?

Jonitz: Der Chefarzt oder Ordinarius alter Schule hat die gesamte Macht und die gesamte Verantwortung. Er ist zuständig für Forschung, Lehre und Patientenversorgung. Er besitzt als Einziger das Recht der Privatliquidation. Er stellt ein, schreibt Zeugnisse, bestimmt Vertragsmodalitäten. Er verkörpert nicht selten eine bestimmte medizinische Schule, die er an seine Oberärzte weitergibt, ohne Widerspruch zu dulden. Innerhalb der Gesamtklinik funktioniert seine Abteilung wie ein autonomes Gebilde mit eigenen Gesetzmäßigkeiten.

ZEIT: Was daran ist überholt?

Jonitz: Die Anforderungen an die Führung einer Abteilung sind komplexer geworden. Es kann nicht mehr sein, dass der Chefarzt immer alles allein entscheidet. Das wirkt sich zum Beispiel negativ auf die Behandlungsqualität aus, wie eine im American Journal of Surgery veröffentlichte Studie belegt: Wenn ein Operationsteam kein gutes Teamverhalten aufweist, ist das Risiko von Komplikationen einschließlich des Todes von Patienten um etwa das Fünffache erhöht. Ein moderner Chefarzt führt deshalb im Team, er braucht ein hohes Maß an sozialer Kompetenz und Einfühlungsvermögen.

ZEIT: Ist der Mann eine Ausnahme, ein Relikt aus alter Zeit?

Jonitz: Er ist sicher ein Extremfall, aber es gibt Medizinskandale, denen ähnliche Mechanismen zugrunde liegen. Denken Sie an den ehemaligen Chefarzt der Unfallchirurgie in Freiburg, Hans Peter Friedl, der 2003 wegen vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt wurde. Friedl war bereits mit 37 Jahren Ordinarius und führte seine Abteilung extrem autoritär. Die Ärzte mussten Krawatte tragen und durften nicht mit dem Fahrrad zur Klinik kommen, weil das nicht standesgemäß sei. Es dauerte Jahre, bis Berichte über Behandlungsfehler bis zur Klinikleitung durchdrangen, und noch länger, bis diese reagierte. Letztlich sind das alles Symptome für Fehler im System.

ZEIT: Welche Systemfehler meinen Sie?

Jonitz: Es fängt schon mit der Besetzung von Leitungspositionen an. Führungskräfte werden nicht nach den Kriterien ausgewählt, die ausschlaggebend sein sollten, sondern ausschließlich nach medizinisch-fachlicher Kompetenz. Die Verantwortlichen in den Gremien lassen sich davon beeindrucken, wie dominant und scheinbar souverän jemand auftritt. Die wählen aus nach dem Motto: Vertrauen Sie mir, gucken Sie auf die Plaketten an meiner Wand – das ist wie im Absolutismus.

ZEIT: Warum lassen sich Mitarbeiter den autoritären Umgangston gefallen?

Jonitz: Sie sind relativ ungeschützt. Die deutschen Ärztetage lehnen das Chefarztsystem seit Jahrzehnten ab – leider erfolglos. Der autoritäre Umgangston ist einer der Gründe, warum junge Ärzte Deutschland verlassen und lieber im Ausland arbeiten. Nur ganz allmählich brechen wir die preußische Militärakademie auf. Die Bundesärztekammer hat zum Beispiel ein Curriculum Ärztliche Führung entwickelt, damit leitende Ärzte für ihre Aufgaben geschult werden. Moderne Krankenhäuser befragen regelmäßig ihre Mitarbeiter, um von Missständen zu erfahren. Sie besitzen ein Fehlerlernsystem, in dem Mitarbeiter Fehler anonym melden können. Das wäre übrigens für mich als Patient ein wichtiger Punkt bei der Auswahl einer Klinik. Wenn dann ein charismatischer Chefarzt sagen würde, dass wir ein Fehlerlernsystem nicht nötig hätten, würde ich mich nach einer anderen Klinik umsehen.

Die Fragen stellte Martina Keller