Endlich steht der Verantwortliche vor Gericht: der berühmte Essener Chirurg Christoph Broelsch, ein Despot, der ein einzigartiges Herrschaftssystem aufbauen konnte. Wer so denke, sagt Emilio Dominguez, Chefarzt des Krankenhauses Nordstadt in Hannover, habe von den Mechanismen im Medizinbetrieb wenig verstanden.

"Wenn es in einer Klinik jahrelang zu Unregelmäßigkeiten kommt, liegt das nie an einer Person allein", meint Dominguez. Machtmissbrauch sei in der Medizin zwar seltener als oft vermutet. Dort, wo er aber vorkomme, "sind viele beteiligt, die mitmachen, weil sie vom Starstatus des Hierarchen profitieren". Dominguez ist seit 2008 Chefarzt und versucht in seinem Krankenhaus Fehler durch Teamarbeit zu vermeiden.

In erster Linie profitiert die Klinik selbst von der Reputation ihrer Chefärzte. Ein Professor, der sich mit einer neuen Therapiemethode einen Namen gemacht hat, mehrt den Ruhm des eigenen Hauses. Er ist gute Werbung. Chefärzte mit internationalem Renommee sind zudem einträgliche Zugpferde bei der Bewilligung von Drittmitteln – Geldern vom Bund oder von der EU etwa, die die Klinik über ihr normales Budget hinaus für Stellen und Projekte ausgeben kann.

Die meisten Universitätskrankenhäuser sind auf diese Zuschüsse angewiesen, um im Konkurrenzkampf zu bestehen. Erfolgreiche Häuser werden von Politikern unterstützt. Kliniken, die mit knappen Mitteln vor sich hin dümpeln, müssen sich etwas einfallen lassen.

Es ist deshalb nur folgerichtig, dass die Klinikleitung in Essen ihren Operateur Broelsch noch im Juni 2007, wenige Monate vor seiner Suspendierung, für unverzichtbar hielt. "Eine Dienstenthebung würde den Betrieb der chirurgischen Klinik in Krankenversorgung und Forschung wesentlich beeinträchtigen", hieß es.

Der Fall Broelsch erinnert an die Geschichte des Krebsforschers Friedhelm Herrmann. Mitte der neunziger Jahre war der Mediziner als Star der Gentherapieforschung gefeiert worden. Eine lange Liste von hochrangigen Publikationen hatte dem Mediziner innerhalb weniger Jahre Renommee und eine Professur am damals neu gegründeten Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Ostberlin verschafft.

Politiker wie Institutsleitung, die im Nachwende-Berlin für jede Lichtgestalt in der kränkelnden Hauptstadt dankbar waren, hofierten den Arzt trotz seiner unangenehmen Starallüren. Er diente schließlich als Magnet für weitere Talente.