Der Fremde, der meiner Generation den Kampf ansagte, brauchte dafür sieben Sekunden, eine Zahl und acht Worte: »1,4 Millionen. Ihr habt keine Chance. Wir sind einfach mehr.« Dann grinste er zum Abschied, stieg in Dortmund aus dem Intercity aus und ließ mich zurück mit meiner Angst vorm Älterwerden. Nicht vor meinem. Sondern seinem: Er wurde 1964 geboren, ich 1981. In seinem Geburtsjahr wurden in Deutschland, West und Ost, 1357304 Menschen geboren, in meinem 862100.

Warum das Kampf bedeutet? In 20 Jahren gehen die Babyboomer der frühen sechziger Jahre in den Ruhestand, und vielleicht grinsen die meisten dann so wie der Mann aus dem Zug. Sie werden ein Millionenheer von Rentnern bilden, die 1964er an ihrer Spitze. Frank und Thomas, Stefan B. und Stefan G. studieren noch mal Kunstgeschichte an der »Universität des dritten Lebensalters«, belegen den Malkurs im Altersheim und schlafen im mit vier Betten belegten Dreibettzimmer im Krankenhaus. E-Book-Geräte kommen serienmäßig mit einem »64«-Button heraus (ein Knopf, mit dem man die Schriftgröße in Millisekunden von 14 auf 64 boosten kann).

Eigentlich sollten in 20 Jahren wir Kinder der Achtziger, da wir so alt sind wie die 1964er heute, am Ruder sein. Eigentlich wäre es logisch, dass wir nicht nur den Kanzler stellen oder die Ministerin für Senioren und Gedöns, sondern auch bestimmen, in welche Richtung diese Gesellschaft geht. Doch Millionen Babyboomer i. R. sind Millionen Wähler, die die Politik über viele Jahre dominieren werden – und meiner Generation Lasten aufbürden: hohe Steuern, noch mehr Schulden und eine als Generationen-Soli getarnte Zwangsabgabe. Eine Republik voller »Arbeitsgemeinschaften 64 plus« kann kein Sozialsystem verkraften.

Das »Wir sind einfach mehr« macht die 1964er zum gefährlichsten Jahrgang der deutschen Nachkriegsgeschichte. Besonders gefährlich sind sie, weil sie sich selbst als harmlose Hedonisten tarnen: »Wir sind gut ausgebildet. Wir sind einigermaßen vermögend. Wir haben Kreditkarten«, schrieb Thomas Tuma, Jahrgang 1964, vor fünf Jahren zu seinem 40. Geburtstag im Spiegel . Man denkt an Leute, die Eis von Häagen-Dazs essen und bei Manufactum einkaufen, lauwarm, aber nett. An eine Generation, die so langweilig ist, dass sie sich nicht mal ein richtiges Etikett hat ankleben lassen. Kein Feindbild, keine Revolte, kein Ereignis, auch kein Unteremittelklasseauto hat sich für diese Jahrgänge zu der gemeinsamen Erfahrung verdichtet, aus der sich eine Generation formt. Dafür, dass sie »Babyboomer« heißen, haben sie selbst am wenigsten getan.

Und wir? Auch wir haben kein vollwertiges Etikett. Auch wir sind nett. Wir haben viele Zeugnisse. Wir mögen unsere Großeltern, lieben unsere Eltern, und weder die einen noch die anderen boten uns viele Anlässe für eine Rebellion: Oma und Opa waren werthersechtemild, und weil Bärbel und Klaus die großen Kämpfe schon gekämpft hatten, mussten wir nicht den Konflikt mit unseren Eltern suchen. Wir wurden Experten für Konfliktvermeidung. Irgendwie sind wir den 1964ern erstaunlich ähnlich, bloß dass wir Christian, Sandra, Jan und Anna heißen.

Doch etwas unterscheidet uns von den 1964ern. Wir sind sehr, sehr wenige. Wir wissen, dass es nicht immer nur besser wird, und wir finden Prosperität unnormal und Krisen normal. Wir versuchen lieber im Kleinen etwas zu erreichen als die große Gesellschaftsvision durchzukämpfen. Wir sind effiziente Idealisten, die sich genau anschauen, welcher Input an Engagement welchen Output an Veränderung hervorbringt. Im Hofgarten zu demonstrieren landet auf dieser Effizienzskala ziemlich weit unten, in der Schule nebenan mal die Wände zu weißeln, oben.

Die 1964er hingegen sind Experten in verdeckter Kriegsführung. Sie tarnen sich als Langeweiler, doch wer es von ihnen nach ganz oben geschafft hat, hat viele andere entweder im Slalom überholt oder einfach überfahren. Und warum sollen die 1964er den 20 Jahre jüngeren Nachwuchs fördern, der ihnen so ähnlich ist, dass sich in der Begegnung mit ihm das eigene Unbehagen mit sich selbst äußert? Als der nordrhein-westfälische Generationenminister Armin Laschet, geboren 1961, letzten Sommer im Rheinischen Merkur schrieb: »Wir werden Deutschland ein neues Gesicht geben«, war das als Analyse gemeint. Ich habe es als Drohung verstanden.