Seltsam fern scheint das, was noch ganz nahe sein müsste: Wenn die Deutschen nun von ihrer jüngsten Geschichte überschwemmt werden, könnte solch ein Gefühl des historischen Abstands zum ungewollten Ergebnis des Erinnerungsherbstes werden. Dabei ist 1989 gerade einmal 20 Jahre her. Aber in atemberaubender Geschwindigkeit hat die Gegenwart die Epoche davor verschlungen. Die Bilder von damals, aus der Zeit von Teilung und Wiedervereinigung, wirken beinahe so entrückt wie Hitler, Adenauer oder das Wirtschaftswunder – obwohl wir doch fast alle dabei gewesen sind. Im Fernsehen, jenem 1989 so mächtigen Medium, wird man im Gedenktaumel diese Historisierung beobachten können. Wir gerührten Zuschauer werden ambivalente Empfindungen haben: Was für Gefühle waren das! Und uns zugleich fragen: Ist das alles tatsächlich so gewesen, wie wir es jetzt zu sehen bekommen?

Den Anfang macht Guido Knopps Bilderfabrik; zur besten Sendezeit wird von der Flucht in die Freiheit erzählt (22. und 29. September, jeweils 20.15 Uhr, ZDF). Tausende DDR-Bürger haben seit 1961 versucht, Mauer und Stacheldraht zu überwinden: auf Surfbrettern über die Ostsee nach Dänemark, auf Luftmatratzen über die Elbe, im Ballon und im Kleinflugzeug, im geklauten Schützenpanzer durch die Berliner Mauer sowie durch mühselig gegrabene Tunnel. Geschichte als Actiondoku mit den üblichen amateurhaft nachgestellten Szenen: Zeitzeugen erzählen ihre Fluchtgeschichten; die historische Einordnung passiert in gelegentlichen Ein-Satz-Erklärungen zweier Experten sowie im tremolierenden Off-Kommentar, der sich vorwiegend dafür interessiert, was der "Diktator" (Erich Honecker) in Ost-Berlin gerade ausheckt.

Rasante Animationen des Todesstreifens inklusive Überwachungsscheinwerfer und Grenzhunde erinnern derweil an Computerspiele. Eine gravierende Leerstelle fällt ins Gewicht: Weil Geschichte als Aneinanderreihung spannender und geglückter Fluchtgeschichten präsentiert wird, erfährt man wenig über die vielen Todesopfer. Die spärlichen Archivbilder bezeugen die Unmenschlichkeit der Grenze immer noch am besten. Weinende winkende Menschen an der Bernauer Straße 1961 erklären mehr als jede Computeranimation.

Geweint wird auch im Spielfilm Jenseits der Mauer (30. September, 20.15 Uhr, ARD). Das Ehepaar Molitor darf 1974 nach gescheiterter Flucht mit dem Sohn in den Westen – die zweijährige Tochter muss es zur Zwangsadoption freigeben. Sie wächst ahnungslos bei einem sympathischen Stasi-Ehepaar in Leipzig auf, während ihre Eltern nie ankommende Briefe schreiben im Glauben, die vom MfS gesteuerten Antworten stammten von ihrer Tochter. Der bewegende Stoff wird zur Schmonzette, die konfus durch die DDR holpert. Zuletzt trifft die Tochter am 9. November in der jubelnden Menge auf der Bornholmer Brücke ihre richtigen Eltern: Geschichte als missglücktes Rührstück.

Beinahe würden die Gefühle von 1989 in Das Wunder von Leipzig (24. September, 22.30 Uhr, Arte) hinter nachgestellten Szenen verschwinden. Die 90-Minuten-Dokumentation rekonstruiert Vorgeschichte und Verlauf des legendären 9. Oktober 1989 in Leipzig, als die Staatsmacht vor der Konfrontation mit den "Wir sind das Volk!" rufenden Demonstranten zurückwich. Auch hier erzählen die Protagonisten: Pfarrer, Oppositionelle, Demonstranten, Wehrpflichtige, Verhaftete, Stasi-Offiziere, SED-Funktionäre. Die typische TV-Zeitzeugenoptik offenbart, wie schnell 1989 Geschichte geworden ist. Auch hier erscheinen die Akteure in schlecht gespielten Filmsequenzen, die banale Situationen zeigen und harmloser als alle bundesdeutschen Wackersdorf-Schlachten wirken: Pfarrer legt Telefonleitung; Junge nimmt beim Friedensgebet Kassette aus dem Walkman, damit die anderen nicht glauben, er würde insgeheim alles mitschneiden; der sogenannte Friedens-Golf der Oppositionellen fährt den Stasi-Ladas davon. Flugblätter werden zwar verteilt, aber was auf ihnen gefordert wurde, erfährt man nicht. Aber Dokumentaraufnahmen und bewegte Zeitzeugen vermitteln doch die Anspannung jener erstaunlichen Wochen, die sich so glücklich auflöste. Pathetisches Geschichtsgefühl und Aufklärung gehen momentweise Hand in Hand. Und der Herbst 1989 ist für einen Augenblick doch ganz nah.