Nun sitzt er da in einem Hotel-Monsterbau in Berlin, am Morgen nach dem Duell, hat nur vier Stunden geschlafen – und ist bester Laune. Frank-Walter Steinmeier kommt eben von einer Gewerkschaftsversammlung. Seinem Mitkämpfer Franz Müntefering, der kurz zuvor einen Flugzeugunfall hatte, hat er gerade eine Nachricht auf die Mailbox gesprochen. Doch es war nur eine Notlandung ohne Folgen – und schon sind wir mitten im Thema SPD und Wahl.

Die ZEIT: Was nehmen Sie als besondere Erfahrung aus dem Duell mit?

Frank-Walter Steinmeier: Ich habe die Haltung vieler Journalisten nicht ganz verstanden, die ja selbst durch die Fragestellung "Duell oder Duett?" die Erwartungen nach unten geschraubt haben. Ich glaube, als jemand, der auf das Erbe der europäischen Aufklärung setzt, immer noch daran, dass die Menschen auch eine inhaltliche Auseinandersetzung sehen wollen, ohne dass das reduziert wird auf Eitelkeiten oder Rituale, die natürlich auch Teil des Wahlkampfes sind. Die Zuschriften, die ich erhalten habe, zeigen jedenfalls zweierlei: Unterschiede sind deutlich geworden, und der Verzicht auf Krawall und Show ist nicht als Nachteil empfunden worden.

ZEIT: Aber wie war es für Sie persönlich?

Steinmeier: Natürlich habe ich den Druck gespürt. Alles andere würde mir doch niemand glauben. Es ist ja nicht nur ein Medienhype, der dort stattfindet. Ich selbst kann mich auch nicht davon frei machen, dass das eine Veranstaltung ist, bei der nicht 150 und nicht 15000, sondern 15 Millionen zugucken und jedes Argument, jeden Halbsatz, jede falsche Betonung, jede Regung im Gesicht bewerten. Nicht zuletzt war mir bewusst, wie viel für meine Partei davon abhängt, ob man den eigenen Vormann verteidigen muss nach so einer Sendung oder ob man rausgehen und selbstbewusst sagen kann: Wir haben den Besten. Dass das gelungen ist, darauf bin ich wirklich ein bisschen stolz. Ja!

ZEIT: Sie haben sich ja am Samstag von mittags bis fast 19 Uhr vorbereitet. Was haben Sie denn besonders trainiert im Hinblick auf das Duell?

Steinmeier: Wir haben ein paar Gesprächssituationen durchgespielt. Bildung, Familie und Integration habe ich vorbereitet. Diese wichtigen Themen sind ja leider den fruchtlosen Spekulationen über Koalitionen geopfert worden. Vor allem habe ich mich mit meinem Eingangsstatement intensiver befasst. Daran hängt viel, denn da muss man die Philosophie offenlegen, mit der man in die Sendung geht.

ZEIT: Einiges wurde aber auch nicht vertieft, manchmal sind Sie zu leicht weggekommen. Da würden wir jetzt gern einiges nachholen. Beginnen wir mit Afghanistan. Sie haben in dem Gespräch richtiggestellt, dass Sie nicht gesagt haben, 2013 gehen wir raus, sondern bis dahin wollen wir einen Plan haben. "Weiter so!" geht nicht, haben Sie gesagt. Aber wie stehen Sie denn zu dem, was die Amerikaner vorhaben, die ja auch nicht einfach "Weiter so" wollen, sondern mehr Engagement, sowohl in militärischer wie in ziviler Dimension. Wird Deutschland sich stärker engagieren?

Steinmeier: Ich habe kürzlich der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton gesagt: Wir müssen uns gar nicht gegenseitig belehren. Wir haben ein gemeinsames Interesse. Wir haben beide versucht zu lernen aus der Entwicklung der letzten Jahre. Wir als Deutsche haben unser militärisches Engagement gerade verstärkt durch den Bundestagsbeschluss im September – immerhin um tausend Soldaten. Und wir werden unseren Schwerpunkt im Norden behalten.

ZEIT: Was ist der Unterschied zwischen gefälschten Wahlen in Iran und gefälschten Wahlen in Afghanistan? Warum greifen wir die eine fälschende Regierung an und der anderen stärken wir mit der Bundeswehr den Rücken?

Steinmeier: Wir haben in Iran nicht nur den Umgang mit Wahlzetteln kritisiert, sondern vor allem die massive physische Gewalt, die gegenüber der Opposition auf den Straßen stattgefunden hat, Menschen, die niedergeschlagen und verletzt wurden. Ich würde mich schämen, wenn wir solche Vorgänge nicht mehr kritisierten. Das heißt nicht, dass wir uns der Kritik in Afghanistan enthalten. Ganz sicher war dies keine Wahl, die europäischen Standards standhält. Aber Gewalt ist offenbar regierungsseitig nicht ausgeübt worden. Zudem: Dieses Land liegt unter terroristischer Bedrohung. Die Wähler haben sich trotz Drohungen, dass Finger abgehackt werden, an denen Wahltinte festgestellt wird, nicht von der Wahl abhalten lassen. Sie dürsten nach Demokratie.

ZEIT: Sie wurden gefragt, wer die Zeche für die Finanzkrise zahlt, und sind ausgewichen. Also: Wer zahlt die Zeche, wenn Sie regieren?

Steinmeier: Dann haben Sie nicht genau hingehört. Ich will ja gerade, dass wir die Verursacher der Krise an den Folgekosten beteiligen. Deshalb der Vorschlag von Peer Steinbrück und mir: Finanzmarktsteuer! Damit gehen wir jetzt zum G-20-Gipfel nach Pittsburgh. Weil alle Industriestaaten in einer ähnlichen Lage sind, erhoffe ich mir Unterstützung. Immerhin kämen bei einer Besteuerung mit 0,05 Prozent aller Finanztransaktionen 10 bis 20 Milliarden Euro in die nationale Kasse. Das wäre mehr als nur ein symbolischer Betrag zur Bewältigung der Krisenfolgen. Da käme echt Geld in die Kasse, und es träfe die Richtigen.