Es klingt so simpel, wie Max Herre das sagt: "Ich wollte doch immer nur Musiker sein." Dabei ist das gar nicht simpel. Jedenfalls nicht, wenn man Max Herre ist. Denn Max Herre war schon vieles. Er war Pionier des deutschen Rap und dann auch seine verfemteste Gestalt, er war Missionar und Nervensäge, Aushängeschild des multikulturellen Versprechens im Sprechgesang und dann Symbol seines Scheiterns. Nicht zuletzt war Herre auf der Höhe seiner Bekanntheit so etwas wie ein Heilsbringer. Aber nur Musiker, das war Herre bislang noch nicht.

Ein geschenkter Tag, die Platte, mit der er im November auf Tour kommt, ist nicht nur sein erstes Album seit fünf Jahren, sondern auch der Versuch, sich neu zu erfinden: als Mann, der sich beschränken kann und sogar Gewinn daraus zieht. Entspannt klingt diese Musik. Durch Ein geschenkter Tag zieht sich ein Rhythmus, der immer einen kurzen Moment zu spät zu kommen scheint. Dazu singt Herre die Melodien, die man an entspannten Tagen gern hört. Vom Talking Blues des Titelsongs bis zum verschleppten Bar-Jazz von Scherben klingt das Album geradezu demonstrativ wie das eines Musikers, der sich nichts mehr beweisen müssen will. Doch um Musik allein kann es bei einem wie Herre nicht gehen, es geht immer auch um das, was die Medien dazu sagen.

Rap als intelligente Unterhaltung schien gerettet

Verweigert er sich dem Betrieb, kann er sein Image nicht mehr selbst beeinflussen. Öffnet er sich, könnte bei den Leuten da draußen wieder einmal das Bild entstehen, er würde sich aufdrängen wollen. Ein Bild, das überraschend schnell da war und Herre von Anfang an begleitete. Der deutsche Hip-Hop war Ende der neunziger Jahre gerade auf der Suche nach einer Sprache zwischen holpernden Selbstbekenntnissen mit sozialkritischem Bewusstsein und dem bereits kommerziell erfolgreichen Pop-Ansatz der Fantastischen Vier, als seine Band Freundeskreis die Versöhnung der beiden Pole anstrebte – oder, wie es ein Albumtitel versprach, Die Quadratur des Kreises. Mit dem Liebeslied A-N-N-A gelang ein Hit, mit Stücken wie Leg Dein Ohr auf die Schiene der Geschichte erspielte man sich den Ruf, links zu sein. Rap als intelligente Unterhaltung schien gerettet.

Doch so erfolgreich der Freundeskreis beim Publikum ankam, so umstritten war sein Aushängeschild: Max Herre. Herres Sendungsbewusstsein grenzte bisweilen ans Selbstgerechte, und weil seine Reime schon damals keine Ironie kannten, fehlte ihm das Schutzschild gegen den Zynismus seiner Kritiker. Zudem gab er der Neigung, zu allem einen Kommentar abzugeben, bereitwillig nach. Dabei, sagt er heute, wollte er niemals jemand sein, "der eine Botschaft verkündet", kein Bono oder Campino. Doch als er sich mit der Sängerin Joy Denalane zu einem überaus attraktiven interkulturellen Ehepaar zusammentat, war seine Position als Symbolfigur gesichert. Der Stuttgarter Herre wurde, nicht nur dank seinen langen Locken, von der Bravo zum "Jesus von Benztown" gekürt.

Die Folge: Er legte den Freundeskreis auf Eis und erreichte mit einem Soul-Album die Spitze der Charts, und was danach an Rummel auf ihn zukam, brachte ihn zwischen die Fronten. "Ich hatte mit meinem Ruf zu kämpfen, eine politische Figur geworden zu sein." Den Gegnern der Political Correctness galt er als Inbegriff des Gutmenschen, und für die bösen Gangsta-Rapper aus Berlin war er die Verkörperung des Weichei-Hip-Hops. Während Bushido oder Sido den deutschen Rap in den Hitlisten vertraten, zog Herre zu Denalane nach Berlin, wurde Vater und verabschiedete sich so weit als möglich aus der Öffentlichkeit. Dazu fielen zwischenzeitlich sogar die langen Locken.

Jetzt also Ein geschenkter Tag. Herre hat sich "mit Mitte dreißig neu aufgestellt", wie er sagt. Ob er die alten Fans halten und neue dazugewinnen kann, hängt auch davon ab, ob die Projektionsmaschine wieder anspringen wird. Erste Symptome dafür hat Herre bereits registriert: So wurde Blick nach vorn, der erste Song des Albums, vom Journalisten eines Hip-Hop-Magazins als Abgesang auf den deutschen Rap interpretiert. Ein anderer Kollege dagegen wollte darin einen Durchhaltesong für Deutschland in der Krise sehen. Der Urheber selbst allerdings, lächelt Herre nachsichtig, hatte das Lied eigentlich eher als Verarbeitung seiner vor zwei Jahren gescheiterten Beziehung mit Denalane vorgesehen. "Ich habe mich als Musiker nie so mit dem Außen beschäftigt", erklärt Herre, "und diese Platte beschäftigt sich nur noch mit dem Innern."