Und tatsächlich, der nach innen gerichtete Befreiungsschlag gelingt. Herre war schon immer einer der wenigen deutschen Musiker, die in der Lage waren, angloamerikanische Vorlagen mit großer Selbstverständlichkeit auf bundesdeutsche Verhältnisse zurechtzuschnitzen, seine bislang größten Schwächen aber – mangelnde Ironie und Selbstdistanz –, geraten auf Ein geschenkter Tag endgültig zu Stärken. Herre gibt sich Blößen, zeigt sich verletzlich, ohne Rücksicht auf irgendwelche Seelenschambereiche. In Baby Mama Rag singt er ganz gelöst vom Kinderhaben, in der Ost-West-Liebesgeschichte Wir wollen doch einfach nur zusammen sein zitiert er den lakonischen Tonfall seines Helden Udo Lindenberg. Da ist einer endlich bei sich angekommen, ob als Vater oder Udo-Verehrer. Den Rap aber, seine erste große Liebe, den überlässt er lieber den Rüpeln.

Ein Vertreter der Bionade-Boheme will er nicht sein

Was nicht ganz verschwunden ist, ist die Angst, missverstanden zu werden. Deshalb will Herre heute nicht mehr für etwas stehen außer für sich selbst. Auch die ihm zugewiesene Rolle als musikalischer Repräsentant der Bionade-Boheme lehnt er ab. So kann man mit ihm zwar ausführlich über gesellschaftliche Utopien reden, aber irgendwann wird er ungehalten und möchte endlich über den Kern der Sache sprechen, seine Lieder. Mit denen scheint Herre, das gebrannte Kind, so wenig Anlass für überbordende Interpretationen wie möglich liefern zu wollen. Die Texte der neuen Songs sind selten konkret und bewegen sich lieber galant im Ungefähren, zwischen "Seele", "Leben", "Freiheit" und "Sehnsucht".

Herre nennt das "ein persönlich kohärentes Album". Seine Musik habe schon immer vor allem von der Hoffnung gehandelt, "von dem Glauben daran, dass es etwas Besseres geben kann, denn das ist der Motor, den wir alle brauchen". Aber auch das möchte Herre auf keinen Fall politisch interpretiert wissen, sondern bestenfalls spirituell. Max Herre ist nun doch noch tatsächlich vor allem eins geworden: ein Musiker.

Tour: 3.11. Ulm, 4.11. Wien, 6.11. München, 7.11. Leipzig, 10.11. Osnabrück, 11.11. Hamburg, 15.11. Dortmund, 16.11. Frankfurt/Main, 17.11. Stuttgart, 22.11. Berlin, 24.11. Oldenburg, 25.11. Erfurt, 29.11. Köln, 4.12. Zürich