1.

"Mein Beruf ist das Lügen", hörte ich jüngst einen Schauspieler im Fernsehen sagen. "Wieso?", fragte der Interviewer verblüfft. "Weil ich dem Publikum eine Welt vortäusche, die es nicht gibt. Ich entlocke ihm Gelächter und Tränen, stürze es in tiefste Verzweiflung, reiße es zu Missfallenskundgebungen oder zu beifälligem Applaus hin, und doch ist das Geschehen, das diese Gefühle auslöst, nur ein fauler Zauber, der sich bei näherem Hinsehen in Nichts auflöst." Ich hätte ihn gern gefragt, ob schon einmal ein Zuschauer in seiner Vorstellung auf die Bühne gestürmt sei, um ihn, den Othello, vor den finsteren Intrigen des Jago oder das Gretchen vor den abgefeimten Komplimenten des Faust zu warnen. Nein? Dann war die angebliche Lüge nicht sehr überzeugend. Der Zuschauer glaubt nur zum Spaß. Er hat Eintrittsgeld bezahlt.

Von Belogenwerden kann keine Rede sein, allenfalls von der kindlichen Bereitschaft, sich in eine andere Welt hineinschaukeln zu lassen. Im klassischen Theater markiert der Vorhang die zeitliche Grenze dieser Bereitschaft. Wenn er sich öffnet, beginnt unser Herz zu klopfen – keineswegs weil es belogen werden möchte, sondern weil wir gleich Schicksale bestaunen werden, an deren Beispiel wir über uns selbst hinauswachsen, unseren Horizont erweitern, etwas über uns selbst lernen… Unser Herz klopft, weil es die Wahrheit über sich erfahren möchte.

Hinter dem Vorhang, in der Loge, fiebert der Schauspieler seinem Auftritt entgegen. Gleich wird der Herzschlag der Zuschauer dem seinen folgen, gleich werden sie mit ihm atmen, mit ihm denken, die Welt aus seinen Augen sehen. Sie werden eine Aufmerksamkeit für kleinste Tonfälle, das Senken oder Zögern der Stimme, einen Augenaufschlag entwickeln, die ihnen im gewöhnlichen Leben völlig fehlt. Sie werden Ibsens stolze Hedda bewundern, von der sie sich, hätten sie sie zur Frau, längst hätten scheiden lassen. Sie werden sich in Hauptmanns Vor Sonnenuntergang eine Altersliebe zu Herzen nehmen, aber würden dem Alten, wäre er ihr Vater, einen Erbprozess aufhalsen. Sie leiden mit Gretchen und würden im realen Leben Zuchthaus für die Kindsmörderin fordern – dazu zehn Jahre schweren Kerker für den Eifersuchtsmörder Woyzeck, den sie noch am Ausgang des Theaters freigesprochen hätten. Sie denken gegen sich selbst, lassen ihre alltäglichen Vorurteile hinter sich, stehen im Bann einer höheren Wahrheit, einer Gegenmoral, die nicht dazu dient, sich durchzulügen, durchzuschlagen, um jeden Preis zu überleben.

Und doch muss es ihnen ein tiefes Bedürfnis sein, sich so auf den Kopf stellen und durchrütteln zu lassen. Die Eintrittskarte ist in Wahrheit eine Fahrkarte in ein anderes Leben, ein Opferpfennig, der ihnen den Zugang verschafft zu einem Ritual, das die Griechen "kathartisch", also reinigend nannten, das den Menschen verfeinert, von seinen niedrigen Antrieben befreit und ihn auf die wesentlichen Fragen seines kurzen Lebens verweist.

2.

Das Theater ist ein Ort der Wahrheit. Gelogen, verbrochen, hintergangen wird im Leben. Darin sind sich Dichter und Philosophen einig. Für Jean Paul ist die Lüge der "fressende Lippenkrebs des innern Menschen", für Kant ist er aus "so krummem Holze" gemacht, dass daraus "nichts Gerades gezimmert" werden könne. Kein Gebot wird so häufig übertreten wie das, nicht lügen zu dürfen. Es gibt wohl Menschen, die nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen, aber Menschen, die nicht lügen, kann es nicht geben. Sogar Kant, der in seinen Schriften nicht einmal die lebensrettende Notlüge durchgehen ließ, ließ sich von seinem Kammerdiener verleugnen, wenn sich unliebsamer Besuch ansagte – sonst hätte er einfach nicht überleben können.

Warum das so ist? Weil wir in Gesellschaft leben. Das Leben ist eine Maschine, deren Schmieröl die Lüge ist. Der Kampf der Menschen gegeneinander, ihre Feigheit, Raffsucht, Lüsternheit, Machtbesessenheit, setzt die krummen Mechanismen der Lüge in Gang. Wir ölen uns im zwischenmenschlichen Verkehr mit Lügen ein, mit Kompliment und mit Komplott, aus Angst vor Strafe, um uns zu bereichern, um Schaden abzuwenden oder zuzufügen, leben in einer moralischen Halbwelt, in der Wahrheit und Lüge trüb zusammenfließen, und bei jedem existenziellen Tauziehen zwischen den beiden ziehen wir aufseiten der Lüge mit. Der Impuls zu lügen ist, wenn es um den eigenen Vorteil geht, unwiderstehlich, und das universelle Gebot, nicht lügen zu dürfen, ist nicht dazu da, die Lüge abzuschaffen, sondern sie auf ein für die Menschheit erträgliches Maß herunterzuschrauben.

Die Triebe sprudeln aus unseren vitalen Quellen, die moralische Ader ist uns aufgepflanzt, sie ist kraftlos und muss ein Leben lang gehegt und gepflegt werden, um nicht zu verdorren. Der Staat verteidigt sie mit Gesetzen und Gerichten, die Kirche mit Predigten und der Androhung ewiger Verdammnis, Schule und Familie gesellen sich mit Erziehung und Bestrafung dazu und schnüren das soziale Korsett, so gut sie können! Aber das gequälte Fleisch quillt aus allen Nähten, und sobald sich die Gelegenheit ergibt, machen sich die Menschen Luft, im Krieg vor allem, der ihr Erbteil ist, und dann zeigen sie, was wirklich in ihnen steckt an Lug und Trug, an Hass, Rachgier, Raffgier, Wollust, Mordlust.