Das Gespräch findet im Küstenstädtchen Nairn in den schottischen Highlands statt. Hier sitzt Tilda Swinton im Wohnzimmer ihres Hauses, einem englischen Anwesen aus dem 19. Jahrhundert. Zum Zeitpunkt des Interviews leben hier 17 Freunde, die bei der Organisation ihres hiesigen Filmfestivals helfen. Manche zelten im Garten.

Tilda Swinton: Gerade stelle ich mir vor, dass es eines Tages ganz andere Interviews geben wird. Mit Aufnahmegeräten, die dem Interviewten die Worte direkt aus dem Kopf saugen.

Die ZEIT: Diese Geräte müssten dann aber auch Wichtiges von Unwichtigem trennen.

Swinton: Sie würden einfach die Schnittmenge bilden von dem, was wir beide wichtig finden.

ZEIT: Was ist Ihnen denn im Augenblick besonders wichtig?

Swinton: Das mobile Filmfestival, das ich mit Freunden an mehreren schottischen Orten organisiere. Ein Nachbarschaftsfestival mit einem Kinolastwagen. Eine Pilgerfahrt, bei der wir das Kino zum Zuschauer bringen und unsere Lieblingsfilme zeigen.

ZEIT: Sind Sie Kuratorin, Mentorin, Gastgeberin?

Swinton: Von allem ein bisschen. Das hängt mit meiner Initiation ins Kino zusammen. Als ich in den achtziger Jahren in London anfing, Filme zu drehen, zusammen mit dem Regisseur Derek Jarman, war das immer eine Art Party. Kino war für mich mit dem Gefühl einer verschworenen Kameradschaft verbunden. Seitdem bin ich auf der Suche nach solchen Zusammenhängen.

ZEIT: Was heißt das für Ihr Festival?

Swinton: Dass es im nächsten Jahr eine ganz andere Gestalt annehmen könnte. Ich würde gern ein Multiplex-Kino in der amerikanischen Provinz mieten. In Texas oder Louisiana oder wo auch immer. Dort würde ich lauter wunderbare Filme zeigen, Klassiker, große Autorenfilme. In diesem Kino gäbe es kein Popcorn, sondern richtig gutes Essen. Und die Herausforderung wäre, die Leute dorthin zu locken. Das Programm und die Atmosphäre müssten so gut sein, dass sie das Kino nicht mehr verlassen wollen.

ZEIT: Auf dem Filmfestival von San Francisco hielten Sie vor drei Jahren eine Rede zum state of cinema. Was ist das? Ein Staat? Ein Zustand?

Swinton: Ein Ort, an den sich jeder begeben kann und an dem alle wahren Filmemacher leben. Ein Ort, an dem man eine wahre Kameradschaft spürt. Ein Ort, an dem man sich in das Leben anderer Menschen hineinversetzen kann, in das der Menschen auf der Leinwand oder der Filmemacher, die uns ihre Vision der Welt zeigen. Der state of cinema ist das Gefühl einer Gemeinschaft jenseits von Nationalitäten, Geografie, Politik und Religion. Es ist ein behüteter Ort, an dem man herausfinden kann, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Der state of cinema ist ein Ort existenzieller Meditation.