Die meisten Kunstsammler sind derart süchtig nach neuen Werken, dass ihnen daheim irgendwann der Platz ausgeht. Dann werden große Lagerflächen angemietet, wo die Kunst nur noch von den Überwachungskameras gesehen wird. Großzügige Sammler überlassen ihre Kunst später öffentlichen Museen, die geltungshungrigen lassen sich eigene Museen für ihre Sammlungen bauen. Der Kunstsammler Donald Hess gehört zu keiner der beiden Gruppen. Zwar hat sich der Schweizer gerade für mehrere Millionen Euro ein eigenes Museum bauen lassen, er hätte es aber – zumindest von Europa aus betrachtet – kaum besser verstecken können. Das Museum liegt im Nordwesten Argentiniens, in den Anden. Es ist ausschließlich dem großen Licht- und Land-Art-Künstler James Turrell gewidmet.

Fast 24 Flug- und Transitstunden dauert von Berlin aus die Anreise nach Salta, dort wartet ein Geländewagen, weitere fünf Stunden geht es über 3300 Meter hohe Gebirgspässe, durch Urwälder und Steinwüsten, bis man auf einer staubigen Piste den Flecken Colomé erreicht. Das kleine, zu einem Weingut aus dem 19. Jahrhundert gehörende Dorf wird von fünfhundert Indios bewohnt, Hess ist der einzige Arbeitgeber hier. El loco, den Verrückten, nennen ihn die Einheimischen. Aber so verrückt ist der Schweizer, Jahrgang 1936, nicht.

Als junger Mann erbte er eine Brauerei, betrieb dann Hotels in Marokko, kehrte in die Schweiz zurück und verkaufte dort nicht mehr Bier, sondern Wasser – und das wurde derart beliebt, dass er die Firma vor sieben Jahren für viele Millionen Dollar an den Coca-Cola-Konzern verkaufen konnte. Seither betreibt er Weinbau, hat ein Gut im Nappa Valley in Kalifornien, eines in Südafrika und mehrere in Australien. Colomé ist nun sein vierter Weinstandort. 2001 hat Hess, der dem Schauspieler Anthony Hopkins überraschend ähnlich sieht, diesen ältesten Weinberg Argentiniens gekauft und einen modernen Betrieb daraus gemacht. Das alte Estancia-Gebäude wurde zu einem kleinem Luxushotel und hinter einer Halle mit Weintanks und Eichenfässern hat er in diesem Jahr das James-Turrell-Museum eröffnet. In großen polierten Stahl-Lettern prangen auf dem Gebäude die Namen des Künstlers und seines Sammlers, ein wenig zu groß für einen Ort, an dem niemand zufällig mal vorbeiläuft, zu dem jedes Jahr höchstens ein paar Hundert Menschen gezielt anreisen werden. Von außen sieht das lehmfarbene Gebäude recht hässlich aus, man denkt an den Anbau einer amerikanischen Mall, doch innen ist von dieser Hässlichkeit nichts mehr zu spüren.

Turrell und seine Assistenten haben die Räume mit nichts anderem als Licht gefüllt – und die Besucher können darin Erfahrungen machen, die manche als spirituell beschreiben und andere mit denen eines Drogentrips vergleichen.

Schon vor zwei Jahrzehnten hat Donald Hess die ersten Arbeiten des Lichtkünstlers James Turrell angekauft, obwohl sich dessen Kunst nicht gerade zum Sammeln eignet. "Ich verkaufe den blauen Himmel und gefärbtes Licht", sagte Turrell bei der Eröffnung des Museums, zu der er in einem Hubschrauber herabgeschwebt kam. Von dem blauen Himmel und der gefärbten Luft hatte Hess nur eine vage Ahnung, so wie jeder Turrell-Sammler bekam er beim Erwerb der Kunst bloß einen grauen Schuber mit Skizzen und Bauplänen ausgehändigt. Vor sieben Jahren begann er dann mit dem Bau des Museums, um die Kunst aus den grauen Schubern endlich sehen, endlich erfahren zu können.

Etwa jene große Installation mit dem Titel Spread (2003): In einem weißen Raum führt eine breite Treppe hinauf in ein tiefblaues Rechteck. Das intensive Blau scheint aus dem Rechteck geradezu herauszuquellen. Erst wer die Stufen emporsteigt, merkt, dass man das Quadrat betreten kann, das es nur der Eingang zu einem tiefen, leicht abschüssigen Raum ist. Wie tief dieser Raum ist, begreift der Besucher zunächst nicht, er tastet sich vorsichtig voran, das blaue Licht begegnet ihm wie Nebel.

Turrell hat Wahrnehmungspsychologie studiert, bevor er mit der Kunst anfing. Heute arbeiten er mit speziellen Lampen, die mit extrem niedrigen Frequenzen leuchten. Und sie arbeiten mit dem Licht des Weltalls, denn hier in den einsamen Bergen Argentiniens gibt es keine Lichtverschmutzung, hier bleicht das elektrische Licht der Menschen noch nicht das alte Licht der Sterne aus.