Was für ein Spektakel! Jagende Streicherfiguren, scharfe Akzente, jäh aufschießende Crescendi peitschen die Arie voran. Der Held kommt kaum zu Atem, zischelt nur noch Silben. Man ahnt es früh in Antonio Vivaldis 1727 für Venedig komponierter Oper Orlando furioso: Hier dreht einer durch. Und irgendwann ist es mit den Arien ganz vorbei. Dann wird nur noch gespuckt und gegeifert in einem Rezitativton, der von wüsten Schlägen des Orchesters eher zertrümmert als begleitet wird. Der katholische Priester Vivaldi lässt seinen Orlando, eine schwere Borderline-Existenz, vollends überschnappen. Auch dem restlichen Bühnenpersonal, der tobenden, rachsüchtigen und sexbesessenen Zauberin Alcina etwa, möchte man im wirklichen Leben lieber nicht begegnen.

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Die Barockmusik, so heißt es gemeinhin, betreibe die Darstellung von Affekten, doch darüber geht Vivaldis Musik weit hinaus. Sein Orlando furioso zeichnet eine Gesellschaft von erotisch Getriebenen am Rande der Dekadenz. Vielleicht war das Stück damit das recht präzise Abbild der europäischen Oberschicht vor 250 Jahren, die sich im venezianischen Karneval mit Glücksspiel und Kurtisanen vergnügte, wohl auch, um zu verdrängen, dass die Seerepublik politisch am Ende war.

Die CD-Einspielung, die der Dirigent Jean-Christophe Spinosi vor einigen Jahren im Rahmen der groß angelegten Vivaldi-Edition des französischen Labels naïve vorlegte, ist ein fulminantes Plädoyer für die musikalischen Qualitäten dieses Dramma per Musica. Unlängst drückte der Regisseur Barrie Kosky dem Stück mit seiner rasanten, umstrittenen Inszenierung in Basel auch szenisch den Stempel der Modernität auf.

Demnächst soll sich Paris mit einer von Spinosi geleiteten szenischen Realisierung am Orlando furioso versuchen. In Stuttgart wiederum werden Vivaldis Oratorium Juditha triumphans und Hebbels Schauspiel zu einer szenischen Erkundung des Judith-Mythos verschmolzen. Auch andere Bühnen wie Magdeburg, Oldenburg oder Bonn haben Vivaldi in letzter Zeit für sich entdeckt, das Theater an der Wien wagt zumindest schon einmal konzertante Aufführungen von Armida und Farnace. Und Frankfurt am Main wird im nächsten Februar mit einer Orlando- Inszenierung nachziehen.

Auch wenn sich diese Entwicklung noch seltsam – und unnötig – auf dieses Stück fokussiert, sehen wir in Vivaldi inzwischen mehr als den Schöpfer der Quattro Stagioni. Endlich. Er selbst nähme das mit Genugtuung als einen Akt später Gerechtigkeit zur Kenntnis. Ein Vierteljahrhundert, zwischen 1713 und 1738, spielte die Oper die zentrale Rolle in seinem Leben. Vivaldi schrieb rund fünfzig Bühnenwerke für Opernhäuser in ganz Europa von Venedig bis Prag. Darüber hinaus gehörte er jahrelang zu jenen Impresarios, die sich mit wechselndem Glück und auf eigenes finanzielles Risiko mit eitlen Primadonnen, der wankelmütigen Gunst des Publikums und den im damaligen Opernbetrieb üblichen Intrigen herumschlugen. Damit konnte man reich werden, sich allerdings ebenso leicht ruinieren. Vivaldi gelang beides: Nach heutigen Maßstäben muss er Unsummen verdient haben, starb aber 1741 verarmt in Wien.

Ausgangspunkt für die allmähliche Renaissance von Vivaldis Opernschaffen war die sensationelle Entdeckung Hunderter seiner Partituren auf dem Dachboden eines piemontesischen Klosters vor gut achtzig Jahren und deren langwierige wissenschaftliche Aufarbeitung durch die Turiner Nationalbibliothek. Doch stärker noch als bei Händel übernahm letztlich die Plattenindustrie die Rolle des Vorreiters.