Metaphysik des Tumors – Seite 1

Über den Tod wurde nicht gesprochen. Als mein Großvater starb, machte sich mein Vater zu Hause einen Kaffee. Als meine Großmutter starb, spielte mein Vater mit Freunden Karten. Das waren die siebziger Jahre. Man konnte damals aufwachsen, ohne auf die Idee zu kommen, dass die Kaffeestunden, die Canastaabende gezählt und irgendwann unwiederbringlich vorbei sein könnten. Die Kriegsteilnehmer wollten vom Tod nichts wissen. Sie hatten vielleicht schon zu viele Tote gesehen.

Vater ließ den Keller fliesen. Die Glas- und Betonwelt, die damals entstand, erzählt bis heute von der berühmten "Unfähigkeit zu trauern". Und von der legendären "Unsichtbarkeit des Todes". Die Vaterwelt war abwaschbar, todesresistent und alterslos. Die Toten wurden ohne Aufhebens entsorgt. Das Sterben und das Geborenwerden in Räume verlagert, die mit ihren abspritzbaren Wänden größere Ähnlichkeit hatten mit einem Schlachthaus oder einer Hinrichtungsstätte als mit menschlichen Behausungen.

Auch der Spiegel- Reporter Jürgen Leinemann, dessen autobiografischer Bericht über seine Krebserkrankung in diesen Tagen erscheint (Das Leben ist der Ernstfall, Hoffmann und Campe), kennt noch diese geflieste, todesvergessene Welt. Als seine Mutter starb, feierte er gerade seinen Geburtstag in Rom. Der Abschied von der Toten fand in einer Abstellkammer statt, die voller Gerümpel war. Aber das ist lange vorbei. Heute erfährt das Sterben beinahe größere Aufmerksamkeit als das Leben.

Heute sind die Sterbehospize hell und freundlich. In den Sterbezimmern gibt es Gästeschlafsofas und TV-Anschluss. Die Fernsehgeräte hängen den Sterbebetten direkt gegenüber (ungefähr dort, wo früher das Kreuz gehangen hat), und der Sterbende kann bis zuletzt das deutsche Fernsehprogramm verfolgen, in dem andere Sterbende wie die britische Fernsehberühmtheit Jade Goody und womöglich auch Jürgen Leinemann oder der Theaterregisseur Christoph Schlingensief über ihre Krebserkrankung Auskunft geben.

Auf das lange Schweigen folgt das dauernde Gerede. Bücher und Zeitungsartikel über das Sterben, das eigene oder das der Mutter, des Vaters, des Ehepartners, erscheinen beinahe wöchentlich, erreichen die Bestsellerlisten und werden mit Preisen ausgezeichnet. Fotodokumentationen über sterbende Kinder und Greise – vorher, nachher – liegen als Coffeetable-Buch in den Läden. Die Kulturwissenschaftler nennen das die "neue Sichtbarkeit des Todes".

Das neue Öffentlichwerden des Todes kann man ungehörig und geschmacklos finden. Aber es ist auch eine große Befreiung und Enttraumatisierung. Verfall und Tod werden nicht länger wie andere Peinlichkeiten ins blütenweiße Kachelbad abgeschoben. Die Hospizmitarbeiter respektieren den Sterbenden und seinen Tod. Die Krankenschwestern stellen Kerzen am Totenbett auf. Die Familien lassen die Sterbenden nicht mehr allein. Als mein Vater starb, saßen seine drei weinenden Kinder an seinem Bett.

Aus all diesen Gründen ist eigentlich keines der vielen neuen Bücher über das Sterben eines zu viel. Warum soll in einer Gesellschaft, die sich über das Wehwehchen jeder Talkshow-Tante endlos verständigt, ausgerechnet der Tod versteckt werden? Unser Kollege Bartholomäus Grill hat in der ZEIT ergreifend über das Sterben seines Bruders geschrieben und dafür den Henri Nannen Preis bekommen. Unser ehemaliger ZEIT- Kollege Georg Diez hat gerade ein Buch über das Sterben seiner Mutter veröffentlicht (Der Tod meiner Mutter, Verlag Kiepenheuer & Witsch). Der Journalist Tilman Jens und die Autorin Ursula Priess haben Bücher über das Siechtum ihrer berühmten Väter Walter Jens und Max Frisch veröffentlicht. Christoph Schlingensief hat einen Bestseller über seine Krebskrankheit geschrieben (So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein, Verlag Kiepenheuer & Witsch). Es ist eine endlose Liste.

 

Und es ist immer dasselbe. Der Tod, jahrhundertelang verwickelt in luxuriöse Diskurse der Theologie, der Mythologie, der Kunst und Literatur, ist nackt und seltsam kahl geworden. Aus der großen Metaphysik des Todes ist eine Miniatur-Metaphysik der Röntgenbilder und der Tumormarker geworden. Eine Ersatz-Metaphysik aus Krankenakten und persönlichen Erinnerungen.

Auch in der Gegenwartsliteratur sind es kaum noch hochliterarische Figuren, ferne Ritter oder Kammerdiener, die sich zum Sterben legen. Es sind die notdürftig verschlüsselten Ehemänner, Eltern, Kinder oder Freunde der Autoren. Der Tod, der große Gleichmacher, hat die Grenze zwischen Reportage, autobiografischem Bericht und Prosa nivelliert – und sich selbst gleich mit. Denn er ist nicht nur befreit von dem drückenden Schweigen der kriegstraumatisierten Fliesenleger, sondern auch von jeder allegorischen oder religiösen Überhöhung. Es gibt keine bedeutende Theorie des Todes mehr. Nicht einmal irgendein schreckliches Gesellschaftssystem, das wieder einmal an allem schuld ist (wie im legendären Buch Mars von Fritz Zorn, der halb Zürich für seinen Krebs verantwortlich gemacht hat).

Seitdem aber der Tod privat und das Private öffentlich geworden ist, herrscht eine tödliche Narrenfreiheit. Der eine Journalist porträtiert seinen Vater in Windeln, der nächste reicht die privaten Fotos, die seine krebskranke Mutter auf seiner eigenen Hochzeitsfeier zeigen, an die Zeitungsredaktionen weiter, und ein krebskranker Künstler stellt seine Tumorbilder auf die Bühne. Man kann das gut oder schlecht finden, aber nicht mehr ändern, weil sich Intimität und Öffentlichkeit einfach nicht mehr wie Aschenputtels Erbsen auseinandersortieren lassen.

Fragen wir also gar nicht erst, ob man über das Sterben so intim, so persönlich wie Jürgen Leinemann oder Christoph Schlingensief oder Georg Diez schreiben darf, sondern fragen wir, ob das, was sie erzählen, irgendjemandem außer ihnen selbst weiterhilft. Ob man in ihren Erzählungen etwas über das Sterben oder das Leben lernen kann wie in einer Ars-Moriendi-Fibel. Ob man mit ihnen über den Tod weinen und lachen kann wie mit den Gedichten von Robert Gernhardt. Ob ihre Erzählungen anrühren, Vertrauen schaffen, fassungslos oder glücklich machen, wie das der amerikanischen Journalistin Joan Didion mit ihrem grandiosen Trauerbuch Das Jahr magischen Denkens vor einigen Jahren gelungen ist.

Es sind drei unvergleichliche Bücher, die zwischen dem gepflegt Manieristischen, dem gediegen Realistischen und dem pathetisch Himmelstürmenden alle Tonlagen zeitgemäßer Todesprosa anschlagen. Leinemann und Diez versuchen den Tod in das nach oben geschlossene Betriebssystem Erde einzupassen, ihn milde zu stimmen und ihm ein wenig irdischen Mehrwert zu entlocken. Schlingensief verknüpft sein sympathisch-genialisches Todespalaver trotzig mit den großen Vanitasmotiven der Menschheitsgeschichte. Für ihn ist der Tod kein Schoßtier, das man streicheln oder besänftigen kann, sondern etwas ganz und gar Katastrophisches und Unversöhnliches. Einfach unvorstellbar: "Der selbstherrliche, unsterbliche Typ da ist reduziert auf das, was kurz vor Asche ist." Da bleibt man stumm. Da kann man nichts mehr sagen. Da muss man "die Beurteilungsmaschinen" abstellen.

Diez entscheidet sich für die Schoßtier-Variante. Ihm geht es darum, den Tod in die Choreografie zeitgemäßen Lebensgenusses einzupassen. Deswegen darf der Tod nicht unversöhnlich und ungenießbar sein, sondern ist von "sanfter Klarheit" und schön traurig, eingesponnen in einen Kokon angesagter Geschäftigkeiten: Hochzeit auf Capri, Fußball in Mailand, Immobilienerwerb in Berlin, Geburtstag in Salzburg, "in den Tagen danach Portland und Los Angeles und New York". Ein Schauspieler der Münchner Kammerspiele deklamiert vor der Mutter eine Art Abschiedsbrief des Sohnes. Ein Maskenbildner derselben Bühne fertigt die Totenmaske aus Bronze und sagt noch etwas Kluges über Goethe und Schiller. Von der Todesangst heißt es in dem Buch, dass sie die Sterbende einhülle und wärme, sie öffne und verschließe, ihr Halt gebe und sie trage – vermutlich kommt sie auch irgendwie von den Münchner Kammerspielen.

Jürgen Leinemann ist weit entfernt von diesem jungen Wohlfühl-Sterbe-Sound. Dafür ist sein Buch zu ehrlich, zu handfest und nüchtern geradeaus erzählt. Der krebskranke Journalist, der sich einst von seiner Mutter im Abstellraum verabschieden musste, schreibt nun im Jargon der Leistungsgesellschaft, dass er das "Beste" aus seinen Krankheitserfahrungen machen und von ihnen "profitieren" wolle. Er hat aus der schlechten alten Zeit gelernt und will nun "Trauerarbeit" leisten. Dass Arbeit und Tod ewig unversöhnbar bleiben und dass auch der "Spiegel- Leinemann", der in den gepanzerten Limousinen der Minister saß und mit ihren Hubschraubern flog, vor Krebs und Luftröhrenschnitt nicht gefeit ist, kostet ihn einiges Kopfschütteln. Neben einer sehr detailreichen Schilderung einer komplizierten Krankengeschichte, die an keiner Krankenhauszimmernummer, keiner Röntgenaufnahme, keinem Narbengewebe achtlos vorbeigeht, ist dieses Buch der redliche Versuch, Bilanz zu ziehen und die Familie schriftlich mit Lob und Liebe zu versorgen.

 

Solche literarische Sterbebegleitung ist ungewohnt, auch befremdlich, aber wir können diese Bücher gut gebrauchen. Sie erzählen trotz ihrer nur allzu menschlichen Verharmlosungsmanöver und Wichtigtuereien von der Zerbrechlichkeit des Daseins, von der man so lange nichts wissen wollte. Deswegen liest man sie mit Anteilnahme. Und sie erscheinen nicht zufällig so zahlreich in einer Zeit, in der die Airbags des Erfolgs und der materiellen Rundumversorgtheit nicht mehr alles abpuffern, versichern, dämmen, dämpfen und schallisolieren. In einer Zeit, in der uns manches um die Ohren fliegt, was vielleicht nicht mehr zu reparieren ist. Wie der Tod, der das ganz und gar Irreparable ist.

Auch die Autoren, die den Tod dekorieren oder von den Erfahrungen einer tödlichen Erkrankung profitieren möchten, können ihm seinen Schrecken nicht austreiben. Die Sterbe-Showmaster und die Todes-Eventmanager, die mit ihrer Ware keine neuen Horizonte, sondern nur neue Geschäftsfelder öffnen wollen, können nicht verheimlichen, dass der Tod wie nichts sonst die Frage nach dem Sinn unseres Lebens stellt. Und dass man mit dieser Frage sehr allein ist.

In dem Erscheinen der vielen neuen Sterbebücher drückt sich ein neuer Existenzialismus aus. Dieser Existenzialismus ist wie der Tod – zu nichts weiter nutze. Außer vielleicht dazu, uns demütig zu machen. Und uns zu heilen von dem Wahn, Herr im eigenen Haus zu sein.