Ein chinesisches Kind, das um 1960 auf die Welt kam, erlebte schon in der Schule, dass diese Welt auf den Kopf gestellt werden kann. Die Übung hieß "Große Proletarische Kulturrevolution", begann 1966 und wurde 1976 für "siegreich beendet" erklärt. Das Land lag damals in Ruinen.

Der 1963 in Tianjin geborene, heute in Paris lebende Künstler Chen Jianghong hat seine Kindheit in einer knapp, fast lakonisch erzählten, dafür umso reicher bebilderten Autobiografie festgehalten. Schon der kleine Chen war durch seine künstlerische Begabung aufgefallen, das sicherte ihm Anerkennung beim Entwerfen von Wandzeitungen und anderem Propagandamaterial. Den Eltern dürfte das Talent unheimlich gewesen sein.

Die Veranstalter der chinesischen Kulturrevolution setzten auf Kinder und Jugendliche, wie es in Europa, Ende des 15. Jahrhunderts, auch der Dominikaner Savonarola mit seinen fanciulli gemacht hatte. Der offizielle Feind, in China wie in Italien, das war die Verkommenheit des "alten" Menschen, erkennbar, weil "das Alte" an Traditionen hing. So galten die Attacken der jungen Rotgardisten der Kultur, dem akademischen Denken, den moralischen Regeln einer Gesellschaft, die sich dem revolutionären Elan, der "Reinheit" nicht beugen wollte.

Der kleine Chen erlebt, wie seine Eltern die Wohnung nach den neuen Vorbildern umstaffieren, ein Bild von Mao auf den Hausaltar stellen, wie die freundliche Nachbarin, die ihm Mozart vorspielte und aus Bonbonpapier Tänzerinnen faltete, misshandelt wird, wie der Vater der Mutter von seiner bevorstehenden Deportation berichten muss, damit er "umerzogen" werden kann. Der Junge sieht Bekannte, die mit spitzen Hüten aus Papier und Pappschildern um den Hals durch die Straßen getrieben werden, Schildern, auf denen wunderliche Begriffe stehen wie "Großgrundbesitzer", "Kettenhund des Imperialismus" oder "Erzkapitalist".

Versteht das der kleine Rotgardist, der stolz auf seine leuchtende Armbinde mit den gelben Schriftzeichen ist? Vermutlich nicht, und die Erwachsenen, insbesondere der kluge Großvater, sind zu vorsichtig, um sich mit Kommentaren vorzuwagen. So bleibt diese Zeit, in der Ordnung und Sicherheit nur in Bruchstücken existieren, wie ein in zu schnellem Tempo abgespielter Film in der Erinnerung.

Fragmente aber haben sich eingeprägt. Chen erinnert sich an Massenszenen und Alltagsleben, an grobschlächtige Verlautbarungen und kleine Szenen des Glücks, wie an jenen Moment daheim, als der Strom ausfällt und die Schwestern sich Geschichten erzählen, er selbst im Licht einer Petroleumlampe mit einem Stück Kreide auf dem Boden zeichnet.