Das gehört zum guten Ton

Aaron hat sich eine schwarze Fliege um den Hemdkragen gebunden und wimmert "Oh, oh" ins Mikrofon. Zum Davonlaufen. Kalia ist mit einer Pfahlrohrflöte angetreten, auf der sie eine arabische Weise anstimmt. Schon besser. Richtig gute Laune aber verbreitet die 23-jährige Cherry. Mit ihrer Gitarre und dem Song Im Yours hat sie es in die Endauswahl geschafft. Aaron, Kalia und Cherry nehmen an einem Talentwettbewerb teil: Londons Verkehrsbehörde sucht den besten jungen U-Bahn-Musiker. In einer Metrostation sollten die Bewerber ein Video einspielen.

Unter www.london.gov.uk/rhythmoflondon lässt sich begutachten, wie 42 Londoner zupfen, blasen und gegen Lautsprecherdurchsagen ansingen. Per Klick konnten Nutzer die "Top 20" küren, über die besten zehn befand dann eine Jury. Am 17. September wird der Londoner Bürgermeister Boris Johnson verkünden, wer gewonnen hat. Der Sieger darf ein Jahr lang seine Künste in der U-Bahn darbieten.

Die Londoner Aktion unterstreicht einen Trend, der vielerorts in Europa festzustellen ist: Großstädte versuchen sich an einer Art Qualitätsoffensive in der Straßenmusik. Gute Musiker wollen sie dulden oder sogar fördern; Stümper an der Klampfe oder Fiedler mit Einliedrepertoire sollen aus U-Bahnen und Fußgängerzonen verschwinden.

In London etwa werden nicht nur junge Talente gecastet. Seit 2003 schon muss sich jeder Musiker, der in der Tube auftreten will, vor einer Jury bewähren. Ähnliche Regeln gelten für die Pariser Métro. Wer hier legal spielen möchte, muss vorher zum Probekonzert ins Rathaus. München prüft Musiker, die in der Fußgängerzone auftreten wollen: Sie müssen dem Leiter der Stadtinformation zunächst ihr Repertoire vortragen – ein Guantanamera reicht da nicht aus. Und andere Städte bemühen sich, den Vorbildern zu folgen. Der Brüsseler Stadtrat hat 2008 beschlossen, dass jeder Künstler vor einer Kommission aus Musikexperten antreten soll. In der Wiener Innenstadt setzt sich die Bezirksvorsitzende für Auswahltests ein.

Dass es immer mehr Regeln für das Musizieren auf der Straße gibt, ist die Folge eines Konflikts. Viele Anwohner sind genervt, wenn Tag für Tag Blaskapellen vor ihren Türen tröten. Pfarrer bangen um die Andacht im Dom, Boutiquenbesitzer um die Kauflaune der Kunden. In Wien etwa verfassten Geschäftsleute und Anwohner im vergangenen Jahr eine Petition für weniger Straßenmusik in der Innenstadt.

Touristen aber mögen die mobilen Musiker. In der Londoner Metro wurden sie 2003 nach langem Verbot zugelassen, weil sie laut Umfragen so beliebt bei den Gästen sind. Ein ukrainischer Akkordeonvirtuose hier, ein mongolischer Hackbrettspieler dort bringen weltstädtisches Flair noch in die tristeste U-Bahn-Station. So vermelden die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), dass sich bei ihnen noch nie ein Kunde über die Musiker beschwert habe. Im Gegenteil komme es oft vor, "dass die Fahrgäste verweilen, zuhören und applaudieren".

 

Daher versuchen Städte, einen Ausgleich zu finden zwischen den Musikwünschen der Touristen und dem Ruhebedürfnis der Einheimischen. Mal müssen Straßenkünstler jede Stunde den Standort wechseln (München), mal jede halbe (Hamburg), mal eine Mittagspause einlegen (Stuttgart). Mal dürfen sie nicht vor Imbissbuden stehen (Berliner U-Bahn), mal sollen sie 25 Meter Abstand zur nächsten Kirche halten (Wien). Und oft müssen sie auf einem Amt eine kostenpflichtige Genehmigung einholen. Bei den neuen Gütetests aber geht es nicht mehr nur um Formalien. Sie zielen auf die Qualität – und sollen so eine gängige Kritik entkräften: dass die Darbietungen oft eher Qual als Kunstgenuss seien.

In der Straßenmusikerszene selbst ist man nicht begeistert von dieser Art der Einflussnahme. Über die Güte eines Künstlers befinden in vielen Fällen Behördenmitarbeiter. Also Menschen, die sich eher mit Formularen auskennen als mit den Strömungen der Weltmusik. Auch wird Straßenmusik nur noch als Kunstform geduldet, nicht aber als Möglichkeit, wie ein in Not geratener Mensch sich vielleicht ein bisschen Geld verdienen kann. Und schließlich sieht man eine traditionsreiche Lebensform in Bedrängnis. Wer wie Hannes Wader "heute hier, morgen dort" durch die Lande tingeln will, könnte bald einen Tourmanager brauchen, der all die verschiedenen Regeln im Kopf hat und die Vorspieltermine kennt.

"Wer als Straßenmusiker unterwegs ist, hat doch gar nicht die Zeit, ständig vor Jurys aufzutreten", sagt Matthias Jürgens. Der Initiator des Forums Straßenmusik fände es allenfalls akzeptabel, "wenn man an einer Musikschule eine Art Gewerbeschein machen muss, der dann bundesweit gilt". Im Grunde aber ist Jürgens überzeugt, dass Qualitätstests gar nicht nötig sind. "Das regelt sich von selbst". In den Siebzigern habe man gut von Straßenmusik leben können, "man musste nicht mal gut sein". Heute aber sei die Konkurrenz hart, auch wegen der vielen Profimusiker aus Osteuropa. Wer langweilt, geht mit leerem Becher nach Hause.

"Die Musiker untereinander lassen eine schlechte Leistung nicht zu", heißt es auch auf einem Infoblatt der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). In Berlin gilt Straßenmusik als Kunst, die jeder nach Belieben darbieten darf. Die BVG sorgen lediglich dafür, dass sich die Metro-Musiker gleichmäßig verteilen. Jeden Mittwochmorgen werden im U-Bahnhof Rathaus Steglitz die Standorte für die Woche zugeteilt. Dem Ruf der Berliner Straßenmusiker hat der Verzicht aufs Vorspielen nicht geschadet: Die Szene gilt als so interessant, dass bereits Dokumentarfilme über sie gedreht wurden.