Eine Freundin, sie ist recht gut aussehend, hat es unheimlich gern, wenn sie auf der Straße von Männern angesprochen wird. Sie genießt das. Mit den Straßenmännern fängt sie in der Regel nichts an, das heißt, ein oder zwei Mal ist es schon vorgekommen. Trotzdem bekommen die Männer fast immer ihre Telefonnummer. Beim ersten Anruf geht sie dran und sagt, sie hätte gerade keine Zeit. Bei den späteren Anrufen kennt sie dann die Nummer des Mannes, sie nimmt das Gespräch nie wieder an, sondern betrachtet nur noch lächelnd das Display. Nach dem dritten Mal geben sie meistens auf, die harten Typen probieren es sieben oder zehn Mal.

Ist sie ein Biest? Nein, sie möchte einfach nur glücklich sein, wie wir alle. Einmal, als wir uns trafen, klagte sie darüber, dass sie seit Monaten nicht mehr angesprochen worden sei. "Was ist mit mir los", fragte sie, "soll ich mir die Haare anders machen lassen?" "Du bist die Schönste im ganzen Land", sagte ich. "Es hängt sicher mit der Wirtschaftskrise zusammen. Die Männer haben jetzt andere Sorgen."

Warum erzähle ich das überhaupt? Ach so. Mich sprach ein kleiner, dünner Mann mit Halbglatze auf der Straße an. Er war nicht unbedingt mein Typ, aber auch nicht unsympathisch. Ob ich ein paar Minuten Zeit für ihn hätte.

Als er mich gesehen habe, so ganz allein, so schön, so attraktiv und dabei irgendwie traurig, bitte, ich solle jetzt nichts sagen, er habe eben einfach, hinter meiner Fassade, eine tiefe Einsamkeit und eine starke Sehnsucht bemerkt. In diesem Moment habe er gespürt, dass wir beide, er und ich, zusammenpassen. Wir seien Seelenverwandte, Schiffe, die sich nachts begegnen. Er werde mich glücklich machen, er werde meine geheimsten Träume erfüllen, unerhörte Wünsche, von deren Existenz ich selber noch nichts ahnte, er aber, er spüre diese Wünsche. Dafür sei er Spezialist. Er habe auch Geld, er sei nicht arm. Wenn ich mir etwas wünschte, dann würde ich es bekommen. Er habe Einfluss.

Der kleine, dünne Mann gab mir seine Visitenkarte. "Ich weiß, dass jemandem mit Ihrer Ausstrahlung so etwas oft passiert", sagte er, "aber ich bin nicht so wie die anderen, ich meine es ehrlich, und ernst, ich verlange keine Gegenleistung, ich will einfach nur, dass du wieder lachen und tanzen kannst, tanze, mein süßer Fratz."

Ich sagte: "Halten Sie mich für bescheuert?" Mir sei doch völlig klar, was er wolle, das Gleiche wie die anderen auch. Und wenn er’s erst einmal habe, dann werde er selbstzufrieden abhauen und sich einen Scheiß für mich und meine Wünsche interessieren, dann werde er nicht mal mehr anrufen, ich würde Typen wie ihn kennen, ich sei nämlich nicht erst vor einer Viertelstunde auf die Welt gekommen. Außerdem sei ich nicht so schnell mit diesen Sachen.

"Was hast du nur für schlimme Erfahrungen gemacht, mein Kleiner", sagte der dünne Mann leise, "was haben die anderen dir nur angetan, diese Schweine! Das Schlimmste ist, wenn man kein Vertrauen mehr hat. Der Richtige begegnet dir, endlich, ein unerhörter Zufall, in der Fußgängerzone, aber du kannst ihn nicht mehr erkennen, weil all die anderen, all diese miesen Erfahrungen, dich für das Glück blind gemacht haben."