Das hat es noch nie gegeben: dass alle Parteien auf einmal Politik für die Mittelschicht versprechen – von den Linken bis zu den Liberalen. "Ich will nicht in einem Land leben, das nur aus Arm und Reich besteht", erklärt der Chef der FDP, die doch eigentlich lange als die Partei der Besserverdienenden galt. Guido Westerwelle sagt jetzt: "Gekniffen ist die Mitte."

Die Union will für die Leistungsträger im Herzen der Gesellschaft da sein, die – so die Bundeskanzlerin – "den Karren aus dem Dreck ziehen".

Die SPD hatte es schon 1998 mit dem Slogan von der "Neuen Mitte" an die Regierung geschafft, und heute erklärt ihr Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier: "Wir kämpfen für die Verkäuferin und den Bauarbeiter – aber genauso sind und bleiben wir die Partei der Neuen Mitte."

Die Grünen? Haben sich längst als eine Mittelschichtspartei für urbane Akademiker etabliert, von denen werden sie hauptsächlich gewählt. Auch wenn sie nicht viele Worte darüber verlieren.

Die Linkspartei? Betont, dass sie nicht nur die Partei für die Armen sein will. "Wir möchten, dass es allen besser geht, nicht nur wenigen", sagt die für Sozialpolitik zuständige Vizeparteichefin Katja Kipping. Auch der Mittelschicht. "Nur wenn die Bezieher mittlerer Einkommen viel konsumieren, kommen wir aus der Krise." Kipping sagt heute sogar: "Luxus ist legitim."

Nie war das Buhlen um die Mitte so wichtig für die Parteien wie in diesem Spätsommer 2009. Da werden Milliarden für die Rettung superreicher Banker ausgegeben. Für den Automobilkonzern Opel und seine Arbeiter. Für Konjunkturprogramme, die die Staatsverschuldung in die Höhe treiben, vielleicht die Inflation anheizen und damit das letzte Ersparte der Mittelständler auch noch dezimieren könnten. Allen wird also offenbar wieder geholfen – den Arbeitern, den Rentnern, den Geringverdienern und den Bonzen. Nur eben den fleißigen Menschen in der Mitte nicht.

"Ein neues Klassenbewusstsein ist entstanden"

Eine wachsende Zahl von Deutschen sieht es so. Die Mehrheit verortet sich selbst in der Mitte der Gesellschaft, und die Wahlkampfstrategen vermuten unter ihnen besonders viele Wechselwähler. Die Mitte fühlt sich schlecht behandelt. "Eine neue Sensibilität ist entstanden, zugespitzt formuliert: ein neues Klassenbewusstsein", konstatierte die Herbert Quandt-Stiftung schon vor zwei Jahren in einem "Lagebericht" über diese Segmente der Gesellschaft.

Rechtzeitig zum Wahlkampf finden sich reihenweise Debattierhilfen in den Buchhandlungen: frisch erschienene Werke mit Titeln wie Wer arbeitet, ist der Dumme oder Melkvieh Mittelschicht: Wie die Politik die Bürger plündert. Der Journalist Marc Beise (Die Ausplünderung der Mittelschicht) befürchtet sogar die Radikalisierung der Mitte: Künftig blieben bloß noch "Resignation, Schwarzarbeit, Auswandern" oder "Rebellion".