Liegt Düsseldorf etwa an der Seine? Es gab Zeiten des Glanzes, in denen diese Frage nicht völlig unsinnig schien. Das museum kunst palast bewahrt die Erinnerung an diese Zeiten, in denen die Landesfürsten fast so etwas wie Kunstkenner waren. Als sich in Düsseldorf "kulturelle Kommunen" formierten, elektrisiert und elektrisierend, mit internationaler Anziehungskraft, die Künstler aus aller Welt an den Rhein kommen ließ. Als hier, wie einmal geschrieben wurde, der Geist einer permanenten künstlerischen Konferenz herrschte. In einer solchen Zeit rieb sich der Museumsmann Karl Ruhrberg verwundert die Augen und fragte rhetorisch: "Liegt Paris am Rhein?"

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Das war 1967, und das Leben mit Pop fiel damals nirgendwo leichter als in Düsseldorf. "Praktizierende Utopisten" bestimmten hier in jenen Jahren das Geschehen zwischen ZERO, LIDL und Fluxus. Zwischen der Kunstakademie und der soeben eröffneten Künstler-Disco Creamcheese, die laut ihrem Impresario Günter Uecker ein Ort für "zeitlich begrenzte Psychosen" sein sollte und schon 1968 mit all ihren "Happenings in Edelkitsch" von Arnold Bode als Gesamtkunstwerk auf der vierten Documenta ausgestellt wurde.

Mit einem Gesamtkunstwerk, einem hochbarocken, fing hier auch alles an, in den Jahren um 1700, als Kurfürst Jan Wellem seinen Düsseldorfer Hof zu einem Ort des irdischen und überirdischen Glanzes machen wollte. Aus Happenings in Edelkitsch bestand damals eine ganze Epoche. Aber auch eine überaus glänzende Kunstsammlung wurde hier zusammengetragen. Seit jenen Tagen sonnte sich Düsseldorf im Ruhm, ein "zweytes Paris" zu sein. Außerdem zog Jan Wellem zahlreiche Künstler an seinen Hof, obwohl dieser in tiefster Provinz lag, Freskenmaler aus Venedig und Feinmaler aus Leiden, Kastraten aus Süditalien und Stilllebenmaler aus Nordholland. Wie später der "Aktionsraum" Creamcheese war auch die Residenz Jan Wellems ein experimenteller Ort.

Im museum kunst palast, das sich früher, vor der nicht unbedingt überzeugenden Liaison mit privaten Sponsoren, schlicht "Kunstmuseum am Ehrenhof" nannte, lässt sich also Düsseldorfs Geschichte als kulturelle Kommune vorzüglich fassen: vom barocken Hofleben bis zur famosen Düsseldorfer Malerschule, die ihren Mittelpunkt in der Kunstakademie hatte und zwischen Romantik und Realismus die Malerei des 19. Jahrhunderts weltweit inspirierte und dominierte; von der Künstlergruppe Junges Rheinland um Otto Dix und Gert Wollheim, die in den Goldenen Zwanzigern elegant zwischen Dadaismus und Neuer Sachlichkeit tänzelte, bis zu den ZERO- und Fluxus-Aktionen. All diese Ströme mündeten letztlich im 1913 gegründeten städtischen Kunstmuseum.

Darin liegt der eigentliche Reiz dieser aus den unterschiedlichsten Konvoluten herauskristallisierten Sammlung, zu der gotische Madonnenfiguren ebenso gehören wie Lampen von Joe Colombo: dass sie den Genius Loci spiegelt. Dass sie, in ihren Schwerpunkten, ihren Höhenflügen und Eskapaden, die eigentümliche Geschichte des Kunstlebens an diesem Ort erzählt. Der Bogen wird gespannt von Rubens’ Meisterwerk mit der Himmelfahrt Mariä, das als rares Souvenir der kurfürstlichen Kunstsammlung in Düsseldorf geblieben ist, bis zu den Entgrenzungszuständen, die in dem Gesamtkunstwerk Creamcheese erregt werden sollten: himmlische Trips, die von der Tanzfläche hinauf ins Überweltliche führten.

Diese legendäre Kneipe war ausgestattet mit Arbeiten von führenden Akteuren der damaligen Düsseldorfer Kunstszene, und als sie in den siebziger Jahren geschlossen wurde, kaufte das Museum in einem lichten Moment fast die gesamte originale Einrichtung auf: Spiegelobjekte von Adolf Luther oder Heinz Mack, Installationen von Daniel Spoerri, Ueckers Windmaschine, eine stilprägende Wand aus Fernsehmonitoren und Gerhard Richters Pop-Girl, auf dessen nacktem Hintern die Gäste lächelnd ihre Zigaretten ausdrückten. "Wir überleben nicht. Wir erleben", hieß es im Creamcheese-Manifest. Das ließe sich von den schönsten Momenten sagen, die in diesem Museum gestrandet sind. Als Erinnerungen an denkwürdige Happenings in Edelkitsch.