Oliver Rössel guckt mal wieder in die Luft. Liest in den Wolken, studiert den Alpenhimmel. Zwischen den Berggipfeln ziehen zwei Steinadler ihre Kreise. "Wenn die Adler zu oft mit den Flügeln schlagen, stimmt die Thermik noch nicht", sagt Rössel, zieht sein T-Shirt aus und legt sich ins Gras.

Es ist später Vormittag auf einer Alm über dem österreichischen Hochpustertal. Heute früh sind wir zu viert von München in Richtung Osttirol aufgebrochen, Rössel, seine Freunde Ben Liebermeister und Boris Kalter und ich. Wir haben die Autos in Sillian, einem beliebten Ziel für Wanderer und Skifahrer, geparkt und dann die Seilbahn genommen. Zwei Stunden lang ging es nur bergauf, zuerst über markierte Pfade, dann querfeldein, bis Rössel endlich einen Hang gefunden hatte, der ihm gefiel: Steil sollte er sein, aber ohne Steine, grasende Kühe und andere Hindernisse.

Da liegen wir nun mit unserem ganzen Gepäck in der Sonne, und von fern könnte man uns für erschöpfte Wanderer halten. Doch steckt in unseren Rucksäcken keine normale Marschverpflegung. Auch sind die Rucksäcke im Grunde gar keine Rucksäcke. Zwei, drei Handgriffe, und die Nyloncontainer werden zu den kleinsten Fluggeräten der Welt. Zu Gleitschirmen.

Beim Gleitschirmfliegen oder Paragliding hängt der Pilot in einem Gurtzeug unter einer Art Fallschirm. Dieser ist so groß, dass man damit bei gutem Aufwind stundenlang in der Luft bleiben kann. Weil die Gleitschirme inzwischen so leicht geworden sind, dass man sie bequem in einem Rucksack verstauen kann, wird das sogenannte Biwakfliegen immer beliebter. Man schnallt sich sein gut fünf Kilo schweres Flugzeug einfach auf den Rücken und quert die Berge – mal fliegend, mal wandernd.

Biwakfliegen, auch " Walk and Fly" genannt, ist die wohl ungewöhnlichste Art, durch die Berge zu reisen. Bei guten Verhältnissen schaffen Profis bis 200 Kilometer am Tag, sie brauchen eine Woche, um die Alpen zu überfliegen, von Salzburg bis Monaco. Seit Neuestem nehmen die alpinen Paraglider auch flugunkundige Gäste im Tandemschirm mit. Ich darf in den nächsten drei Tagen Oliver Rössels Passagier sein. Er ist einer der besten Gleitschirmpiloten der Welt, war 2004 Gesamtsieger im Worldcup, viermal deutscher Meister, ist bei Wettkämpfen in Südafrika, Brasilien und Australien angetreten. Für die nächsten Tage hat er sich eine schöne Strecke vorgenommen, bis nach Matrei, zum Großglockner soll es gehen oder bis Kärnten. Je nachdem, wohin die Aufwinde uns treiben.

Es ist mittags, als der 40-Jährige seinen durchtrainierten Körper aus dem Gras erhebt. Es sehe jetzt gut aus, sagt er. Ein letzter Blick durch die verspiegelte Sonnenbrille in die Wolken, und Rössel, Liebermeister und Kalter breiten die Schirme auf der Wiese aus, sortieren die Leinen und legen das Gurtzeug an. Ein warmer Wind weht den Hang hinauf, Kuhglocken bimmeln im Alpinidyll. Ich setze den Helm auf, und Rössel schnallt mich in einem Extrasitz vor seinen Bauch. "Ich zähle bis drei, und du rennst los!" Er prüft noch einmal die zwei Karabiner, durch die ich mit ihm verbunden bin, dann heißt es: "Losrennen!" Den Hang hinab, immer auf die Kante zu, hinter der es 1000 Meter steil bergab geht.

Schon nach wenigen Schritten wird der Lauf jäh gebremst, der riesige Schirm hat sich aufgebläht, als wollte eine unsichtbare Macht uns daran hindern, den Berg hinunterzugaloppieren. Wenig später strampele ich in der Luft, über unseren Köpfen schwebt der Schirm wie ein riesiger Drachen. Unten im Tal werden die Kühe kleiner, ein Bauer winkt zu uns herauf. Der Ort Sillian sieht nun aus wie ein Klecks in saftig grüner Landschaft. Häuser, Kirchen und Straßen sind nur noch stecknadelkopfgroß.