Die CDU sucht einen Mann, der ähnliche Qualitäten besitzt wie Barack Obama. Na, und hat sie einen gefunden? Ja, Roberto Blanco." – "Kennen Sie Batmerkel? Das ist Deutschlands Superheldin; kein Cape, aber eine Udo-Walz-Frisur." – "Kennen Sie Merksau? Das ist Angela Merkel plus ihr Gatte Herr Sauer." – "Wie sah Althaus am Wahlsonntag aus? Ziemlich alt sah er aus." – "Warum ist Obama schwarz? Weil er sich während Bushs Regierungszeit schwarz geärgert hat." – Das sind ein paar der Witze, die man zu hören bekommt, wenn man durchs deutsche Kabarett reist, in den Wochen vor der Wahl. Es sind noch nicht mal die schlechtesten.

Im Kabarett Die Wühlmäuse (im äußersten Westberlin) spielt Simone Solga, eine junge Kabarettistin aus Thüringen im Business-Outfit, eine lebhafte Frau. Sie scheut sich nicht, alte Kohl-Witze auf Steinmeier anzuwenden ("Stromausfall. Steinmeier stand 45 Minuten auf der Rolltreppe"). Schon das ist gespenstisch. Es bestätigt den alten Verdacht, dass zwar Obrigkeiten und Elektorate wechseln, dass aber die Reflexe, die zwischen ihnen hin- und hergehen, dieselben bleiben und dass also in 50 Jahren immer noch einer auf Kohls Rolltreppe stehen wird…

Noch gespenstischer allerdings ist, dass in Solgas Programm Die Kanzlersouffleuse mehrere Witze vorkommen, die man am Abend zuvor schon im Kabarett Die Distel (tiefstes Ostberlin) hören konnte. Manche Witze, nun ja: Sprüche, habe ich auf meiner Kabaretttour in vier, fünf Varianten erlebt, etwa den: "Was zur Zeit bei der SPD los ist, dagegen war die Stimmung im Führerbunker 1945 ein Fest." Ist da ein zentrales Textbüro an der Arbeit, welches den Kabaretts die Pointen liefert, auf der Basis von Marktanalysen? Oder gibt es einen kollektiven Witzreflex, der durch alle hindurchgeht, ohne dass sie es merkten?

Wir sind in der Distel, Friedrichstraße, Berlin. Das Publikum ist im Schnitt deutlich über 50, und im Saal hört man, wenn die Stimmung auf dem Höhepunkt ist und es jenseits von "Inhalten" um die Achselnässe von Angela Merkel und die Nase von Roland Koch und vor allem um das Schwesternhafte an Guido Westerwelle geht, jenes glückselige Kreischen, wie es vor allem ältere Damen bei Karnevalssitzungen zu fortgeschrittener Stunde von sich geben.

Hier ein paar Kernbegriffe und -requisiten des deutschen Kabaretts: "Kevin" (als Sammelname für das, was man nie sein möchte, nämlich Unterschicht); "Westerwelle" als Oberbegriff für das, was man erst recht nie sein möchte, nämlich schwul ("Haben Sie nicht gemerkt? Der Westerwelle ist die Handpuppe der Großindustrie; der hat da unten hinten so ’n Loch, durch das immer ein Aufsichtsratsvorsitzender seine Hand steckt"); Möllemanns letzter Fallschirmsprung; Schäubles Rollstuhl; Barschels Badewanne. Darüber hinaus lässt sich feststellen: Das Kabarett hat eine ungeheure Vorliebe für Namenswitze.

Ist das Kabarett etwa so sehr am Ende wie die Boulevardkomödie? Die beiden Genres standen sich stets gegenüber wie der Spießbürger und sein schlechtes Gewissen, wie der fremdgehende Ehemann und der Detektiv, der sich an seine Fersen heftet. Die Komödie spielte mit den bürgerlichen Umgangsformen, das Kabarett lieferte zum Spiel amüsiert den kritischen Apparat. Und wie die Boulevardkomödie heute am ehesten überlebt, wenn sie ins Extrem getrieben wird, als Proll-Komödie im Kino oder als ruppige Burleske im Theater, ist auch das Kabarett am populärsten, wenn es jene Mittel zu Haupt- und Selbstzwecken erhebt, die früher Mittel zur Aufklärung waren: Parodie, Karikatur, Erledigung.