Man fragt sich, ob er das wirklich ernst meint. Jochen Distelmeyer sitzt im Berliner Büro seiner Plattenfirma, das Interview geht schon bald eine halbe Stunde, bis er zur Sache kommt. Man erkennt es daran, dass er seine Worte noch langsamer wählt als zuvor, er nimmt den Tonfall von jemandem an, der die Zwischenbilanz einer künstlerischen Vereinsamung regelrecht zum Mitschreiben diktiert. Deshalb fragt man sich auch: Spricht Distelmeyer diese Gedanken wirklich zum ersten Mal aus? Oder wird man nur Zeuge der Wiederaufführung einer inszenierten Grübelei? Ist er der große Vereinsamte? Oder spielt er den nur gut, der ewige Alleindarsteller Distelmeyer?

Sein künstlerisches Selbstverständnis habe sich geändert, sagt er, nachdem er vor etwas mehr als zwei Jahren seine Band aufgelöst hat und nun sein erstes Soloalbum Heavy vorlegt. Der ehemalige Texter, Komponist und Sänger von Blumfeld sagt: "Meine Haltung zum Leben, zur Musik, zum Kunstmachen fühlt sich anders an." Er sei an eine "innere Grenze der Kunst, ihrer Legitimität, ihrer Beschaffenheit" gekommen.

Dann holt er bedächtig zum Schlag aus: Er fühle sich nun in dem, was er tue – allein. "Natürlich, es hat andere vor mir gegeben, das kann ich nach wie vor achten und toll finden, aber das sind für mich keine Maßstäbe mehr. Für das, was ich machen will, versuchen will, gibt es keine role models, keine Vorbilder mehr." Rumms, das sitzt.

Jochen Distelmeyer, mittlerweile ein Frühvierziger, gehörte nie zu denen, die ihr Wirken kleinreden. Dass er einer der besten deutschen Songwriter ist und vermutlich der beste Poptexter seiner Generation in deutscher Sprache, hat er hinlänglich auf sechs Blumfeld-Studioalben zwischen 1992 und 2006 nachgewiesen.

Fälschlicherweise hat man die Musik seiner Band lange als sogenannten Diskurs-Rock verstanden und seine Texte als Befindlichkeitsstudien linker Dissidenz gelesen, statt das zutiefst romantische Projekt dahinter wahrzunehmen: Distelmeyer wollte eben von Anfang an ein Künstler sein, der Grenzen austestet. Sein lyrisches Programm enthielt gleich all die Liebes- und Naturmotive, die man ihm später als Flucht aus dem Diskurs auslegte; musikalisch lotete Distelmeyer die eigenen Grenzen (und die der ihm zugeneigten Hörerschaft) mal mit perfektem Oberflächenpop aus, mal mit der vermeintlichen Authentizität harmlosen Folks.

Letztlich testete Distelmeyer aber vor allem die Elastizität seines Künstlerbildes. Dornenboy, seine bekannte Selbstbezichtigung, war das quasireligiöse, fast schon dylaneske Bekenntnis eines Pop-Dichters, der stellvertretend für und gegen die anderen litt, an sich selbst und an der Diktatur der Angepassten. Feindbilder gab es genug, aber eben auch Möglichkeiten für die Zuhörer, sich eingeschlossen zu fühlen in ein Wir-gegen-die: Man konnte buchstäblich mitleiden. Das fällt nun schwerer.

Die große Überraschung von Heavy aber ist zunächst, dass es darauf keine musikalische Überraschung gibt. Distelmeyer lässt die musikalischen Möglichkeiten aus, die sich ihm als Solokünstler geboten hätten. Er setzt kein Sinfonieorchester ein, kein Computergedaddel, er experimentiert nicht mit Weltmusik. "Alles macht weiter", hat Distelmeyer mal gedichtet, und daran hält er sich nun stilistisch. Er hat sich einfach neue Mitspieler gesucht für die gleiche klassische Bandbesetzung wie schon bei Blumfeld.