Der taubenblaue Anzug ist hochgeschlossen, darunter lugt ein blütenweißes Hemd mit Stehkragen, aber ohne Schlips hervor. So ähnlich kleideten sich früher chinesische Volksführer. Heute ist der Aufzug bei iranischen Mullahs beliebt, um sich vom westlichen Kleidungsstil abzugrenzen. Auch Dieter Lenzen fällt gern aus der Reihe. Hochgewachsen und kahlköpfig, an der einen Hand ein Siegelring: Der Präsident der Freien Universität Berlin ist eine Erscheinung, die auffällt; und kein anderer deutscher Hochschulchef versieht seinen Job so wie er.

Lenzen ist kein Gelehrter mit Amtskette, kein Moderator professoraler Befindlichkeiten. Der FU-Präsident verkörpert den neuen Typus des Hochschulmanagers; er hat keine Scheu vor der Wirtschaft und drängt in die Öffentlichkeit, er ist experimentierfreudig und durchsetzungsstark – nicht wenige sagen autoritär. Im Grunde versteht der Sohn eines Offiziers sein Amt als Kampfeinsatz: gegen die Konkurrenz in Stadt und Land, gegen vermeintliche und echte Zumutungen der Politik, für den Erfolg seiner Universität – und für sich selbst.

An diesem Tag gilt es erneut, einen Sieg zu feiern. Ein strategisches Feld wurde besetzt, ein starker Partner gefunden. Forschungsministerin Annette Schavan preist seine "Pionierleistung", Berlins Bildungssenator Zöllner nennt ihn einen "Vordenker". Sie sind gekommen, um die Deutsche Universität für Weiterbildung zu eröffnen, eine kommerzielle FU-Tochter. Mit solcher Art berufsbegleitender Fortbildung haben bisher viele Hochschulen vergeblich versucht, Geld zu verdienen. Die FU könnte die erste sein, der es, im Verbund mit dem privaten Klett-Konzern, gelingt. Ihr Präsident strahlt und hält die launigste Rede.

Dieter Lenzen, 61, Professor für Erziehungswissenschaft, seit sechs Jahren an der Spitze der größten Berliner Universität, hat in jüngster Zeit viel Grund zur Freude. Am Tag zuvor hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihr Förderranking veröffentlicht, den wichtigsten Gradmesser für die wissenschaftliche Potenz einer Universität. Keine andere große Universität hat einen solchen Sprung gemacht wie die FU. Bei den Geisteswissenschaften belegt sie den Spitzenplatz.

Gleichzeitig schwächelt der ewige Lokalrivale, die Humboldt-Universität (HU). Ihr Präsident, der als Hoffnungsträger angetretene Theologe Christoph Markschies, will nach nur einer Amtszeit nicht mehr weitermachen. Für die HU ist das ein schwerer Schlag. Führungslos droht sie der nächsten Runde des Exzellenzwettbewerbs entgegenzutaumeln und, wie schon beim letzten Mal, das Eliteprädikat erneut zu verpassen.

Humboldt am Boden, die FU im Dauerglanz – wer hätte das prophezeit? Es war die HU, die alte Traditionshochschule Unter den Linden, die nach der Wende zur wichtigsten Universität Berlins aufsteigen sollte. Abermillionen flossen nach Berlin-Mitte, bekannte Forscher aus ganz Deutschland zog es an die HU-Seminare. "Aufbau Ost, Abbau West" lautete die Devise, nach der die Freie Universität im Westteil der Stadt regelrecht halbiert wurde: Von über 60000 Studenten blieben 32000, von rund 800 Professoren knapp 400.

In der Rückschau kommt Lenzen der Ressourcenverlust wie ein Segen vor. Was andere Hochschulen mühsam lernen mussten –, Schwerpunkte zu setzen, Profile auszubilden – wurde der FU förmlich aufgezwungen. "Wir mussten uns auf unsere Stärken besinnen", sagt Lenzen, Stärken wie die Geisteswissenschaften etwa oder die internationale Ausrichtung der Universität.

Anfang der neunziger Jahre freilich dachten viele, das Ende der FU stünde kurz bevor. Alles sprach für Humboldt – der Name, die Lage, die Geschichte. Die Freie Universität dagegen, nach dem Krieg gegründet von den Amerikanern, in den sechziger Jahren das Epizentrum der Studentenbewegung, wurde zum Inbegriff akademischer Verwahrlosung und linker Leistungsverweigerung. Streiks lähmten den Betrieb, die Gebäude gammelten vor sich hin. Lenzen selbst erinnert sich noch gut an sein erstes Seminar, als er, aus dem biederen Münster kommend, eine Lektüreliste mit französischen Titeln verteilte. Da meldete sich ein Mitarbeiter der Hochschuldidaktik. Der Professor möge die Studenten nicht mit fremdsprachigen Texten überfordern, er müsse den Kanon überarbeiten.