Ach, das Sommerloch! Es bringt Diskussionen an die Oberfläche, die zu anderen Zeiten heftig um Beachtung kämpfen müssten. So war es auch in den vergangenen Monaten. Der Streit über das Regietheater füllte die Feuilletons. Er passte gut zu der sommerlichen Diskussion innerhalb der Gastronomie, wo denn die Hochküche noch akzeptabel sei und wo ihre verzweifelten Bemühungen, fortschrittlich zu sein, in hysterisches L’art pour l’art mündeten. Mit dieser Frage haben wir bereits viele unterhaltsame Sommerlöcher hinter uns gebracht, seitdem die Bundesbürger das Kulinarische als Diskussionsthema entdeckt haben.

Schweinebratenkruste, Karotten- und Blumenkohlpüree und frittierte Petersilie, mit ein paar Tröpfchen Balsamico. Klassiker bevorzugen Roulade

Es begann mit der Nouvelle Cuisine, Anfang der siebziger Jahre. Damals teilten sich die Bürger in Konservative, die immer das gleiche essen wollten (die gleichen Rindsrouladen, die gleiche Forelle blau, den gleichen Grießpudding), und in Progressive, die jedem Grießpudding eine französische Bezeichnung gaben und in der Mehlschwitze die Bedrohung der abendländischen Zivilisation sahen. Da die Fortschrittlichen die jüngere Mehrheit bildeten, war der Ausgang des Zwists vorherzusehen: Die Deutschen wurden eine Nation von Gourmets.

Nach einigen weiteren Sommern ging ein neuer Riss durch unsere Gesellschaft. Die siegreichen Progressiven hatten ihre Partei umbenannt. Jetzt nannten sie sich die Kreativen und kochten gegen die Klassiker an, und da beide derselben Generation angehörten, wurde es ein langjähriges Ringen. Die Kreativen wollten die bedingungslose Abschaffung der herkömmlichen Formen, die als Maibock und als Terrine de Foie gras auf den Speisekarten der Klassiker die Stellung hielten. Die Konservativen dagegen trüffelten jeden kastrierten Hahn und jeden Steinbutt, um die Wasabi-Lakritze der Gegenpartei lächerlich zu machen. Gewonnen haben schließlich die Avantgardisten.

Ich schätze, es war um die Zeit, als sich im Regietheater nackte Schauspieler schreiend in Tomatenketchup wälzten, während an der Rampe ein Transvestit "Schwein oder nicht Schwein" zur Melodie der Nationalhymne sang, als ein Genuss-Archäologe der FAZ über seine neuesten Erkenntnisse berichtete: Beim Graben in modischen Texturen hatte er eine versteinerte Schweinshaxe entdeckt. Und jubelnd wurde ihm klar, dass es die lange gesuchte deutsche Regionalküche war, die er gefunden hatte.

Der sich darauf ankündigende Paradigmenwechsel konnte jedoch nicht in Gang gesetzt werden, da das Sommerloch verschwand und in Berlin das Currywurstmuseum eingeweiht wurde.