Er war ein Wunderkind. Davon waren zumindest die Frauen seiner Familie überzeugt. Schon mit vier Jahren machte er seine Autorität in ästhetischen Fragen geltend, und anstatt wie andere Kinder zu spielen, versenkte er sich in künstlerische Fantasien. Er selbst sagte später, er habe ein Doppelleben geführt: Seine verhätschelnde Mutter ahnte nicht, dass ihr brillanter Sohn gehänselt, verprügelt und gedemütigt wurde, weil er anders war als die anderen. Als Teenager war die linkische, bebrillte Bohnenstange "unbeholfen bis zur Dümmlichkeit", aber fest entschlossen, es "denen" zu zeigen und berühmt zu werden. Zwei gewonnene Wettbewerbe überzeugten auch den Vater, den Sohn andere Wege gehen zu lassen. Er würde weder Jurist werden wie der Großvater noch Geschäftsmann wie er selbst. Als der Siebzehnjährige zur Ausbildung in die Metropole zog, langweilte er sich zwar in der Schule, fand aber zum ersten Mal Anschluss bei Gleichaltrigen.

Zehn Jahre später war aus dem scheuen jungen Mann eine Kultfigur seiner Zeit geworden: Es war der Höhepunkt jeder angesagten Party, wenn er mit seinem Hofstaat auftauchte. Einen Triumph nach dem anderen hatte er gefeiert, nachdem er mit 21 Jahren die Nachfolge des Meisters seines Fachs angetreten hatte und dann vom Kronprinzen zum skandalträchtigen Bilderstürmer geworden war. Noch immer war er das Wunderkind. Mit seinem Konterfei stilisierte er sich zur Ikone einer Ära – und verschmolz seine Person mit einem Markenzeichen. Trotz ausschweifenden Partylebens arbeitete er bis zum Umfallen, aufgeputscht von Erfolg und Drogen, angetrieben von seinem Partner, der sein ganzes Leben in den Dienst des Genies stellte und ihn von allen Widrigkeiten des Alltags abschirmte, damit er sich ganz frei seiner schöpferischen Arbeit widmen konnte.

Wieder ein Jahrzehnt später erschien die Nachricht von seinem Tod. Eine Falschmeldung, aber es war keineswegs das letzte Mal, dass er totgesagt wurde. Mit Anfang 40 war der große Erneuerer zum Klassiker geworden. Er war ein Monument, hatte alles gesagt, war bis zum Äußersten gegangen und konnte sich eigentlich nur noch wiederholen. Alle erdenklichen Krankheiten wurden im angedichtet, aber wie Phönix stieg er immer wieder aus der Asche, wenn auch manchmal taumelnd und als grotesker Schatten seiner selbst. Er war zum Gefangenen seines Erfolgs geworden, den er als Fessel empfand: "Ich habe mir meinen Strick selbst gedreht." Im Rentenalter zog sich die lebende Legende endgültig zurück in die Einsamkeit seiner Fantasiewelt. Die letzten Jahre tat er eigentlich nichts. Als er starb, wurde in sämtlichen Nachrufen der Mythos des gequälten Genies zelebriert, das durch Leid zu triumphalen Werken getrieben wird. Sein Lebensgefährte tat kund, er sei bereits mit einem Nervenzusammenbruch geboren worden, und bezeichnete ihn als "Menschen von außergewöhnlicher Intelligenz, der das Handwerk eines Schwachsinnigen ausübte". Wer war's?

Lösung aus Nr. 38:
Marie Curie, geb. Sklodowska (1867–1934), stammte aus Warschau und studierte in Paris Physik und Mathematik. Gemeinsam mit ihrem Mann Pierre und H. Becquerel erhielt sie 1903 den Nobelpreis für Physik. Nach dem Tod ihres Mannes 1906 übernahm sie seine Professur und erhielt 1911 den Nobelpreis für Chemie, im selben Jahr machte ihre Affäre mit Paul Langevin Schlagzeilen. Sie starb an perniziöser Anämie – vermutlich, weil sie ihr ganzes Leben dem Existenznachweis und der Isolierung radioaktiver Elemente gewidmet hatte