T-Shirts mit Motiven sind nie aus der Mode gekommen – und galten doch nie als wirklich modisch. Grundsätzlich gilt: Wer ein einfarbiges Oberteil trägt, der lenkt damit die Aufmerksamkeit auf sein Gesicht; wer ein T-Shirt oder einen Pullover mit Aufdruck trägt, der lenkt damit von seinem Gesicht ab. Von daher ist es also insgesamt zu begrüßen, dass viele Menschen Motive auf der Brust tragen. Wer weiß, wie viele Blicke in traurige Gesichter einem schon erspart geblieben sind, weil man sich eher auf die fröhlichen Motive konzentriert hat, die den dazugehörigen Oberkörper schmücken. Die Welt wäre somit ein besserer Ort, wenn viel mehr Menschen mit bedruckten T-Shirts herumliefen – wären diese nicht in den meisten Fällen so schrecklich hässlich.

Dieser Aufdruck bedeutet: Ich bin ein Raubtier und dazu auch noch sportlich. T-Shirts und Pullover von Andrea Crews für Lacoste

Mode funktioniert am besten, wenn sie eine Verkleidung ist. Sie täuscht über etwaige Unstimmigkeiten in der Silhouette hinweg und lässt ihren Träger größer oder breitschultriger und damit begehrenswerter erscheinen. Motivkleidung ist anders. Der Aufdruck funktioniert eher wie das Etikett einer Saftflasche. Er versucht gar nicht erst, die Form anzupreisen, sondern konzentriert sich darauf, den Inhalt zu verkaufen. Das äußere Motiv soll Auskunft über die inneren Motive des Trägers geben. Man sollte sich also Gedanken darüber machen, was man eigentlich zum Ausdruck bringen möchte.

Zurzeit sind auf der Straße viele Tier- und Indianermotive zu sehen. Wir sehen auch Bilder, die an die achtziger Jahre gemahnen: rote Sportwagen und Motorboote. Was hat das alles zu bedeuten? Wer mit seinem T-Shirt Cowboy und Indianer spielt, sagt, dass er noch nicht erwachsen ist oder zumindest gerne nicht erwachsen wäre. So schaffen es viele, allein durch ihr T-Shirt zu kommunizieren, dass man sie bitte schön nicht für voll nehmen soll.

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Auch Künstler machen Kleidung zu ihren Projektionsflächen. Jeremy Scott druckt für adidas Weltkarten auf Jerseykleider, für Lacoste gestaltete das Pariser Künstlerkollektiv Andrea Crews T-Shirts und Pullover mit neonfarbenen Krokodilen, die Tennis und Golf spielen. Besser kann man wohl kaum nach außen tragen, dass man nicht nur Geschmack hat, sondern auch wohlhabend ist. Noch besser ist allerdings, man hat einfach ein gutes Gesicht, dann geht’s auch ohne Motiv.