Privatautos stehen die meiste Zeit herum – ein ökonomischer Unfug

Entmündigung für den guten Zweck, in diesem Falle mehr Verkehrssicherheit – wird das akzeptiert? Die bange Frage der Daimler-Entwickler führt direkt in die Psyche des Autofahrers. Ist der in 100 Jahren Pkw-Geschichte entwickelte Automensch bereit und in der Lage loszulassen? Pedale, Lenkrad? Man denke an die sich in Europa nur schleppend verbreitenden Automatikgetriebe – nicht mal den Schaltknüppel mag der echte Automobilist aus der Hand geben.

Und doch: Slogans wie "Freie Fahrt für freie Bürger" oder die von den Automobilherstellern beschworene "Freude am Fahren" klingen mittlerweile eigenartig müde, gestrig. Ist das Auto wirklich noch externes Persönlichkeitsmerkmal, Identitätsstifter, Psychokrücke? Vermutlich nicht mehr lange.

Wer einen Zipfel Zukunft erleben will, wird zurzeit in Schwaben fündig. Ulm, 2009. Man steigt aus der Bahn, schaut sich vor dem Bahnhof um, entdeckt wie üblich Taxen. Und weiße Smart mit blauem Zierstreifen und dem Aufdruck "car2go". Braucht man ein Auto, nimmt man sich eins. Nutzt es. Lässt es dort stehen, wo man es nicht mehr braucht, für den Nächsten. Die Teilnahme ist unbürokratisch. Hinter der Windschutzscheibe ist ein berührungsloser Kartenleser installiert. Mittels eines Chips im Führerschein öffnet man das Fahrzeug, bezahlt wird per Abbuchung, die Standorte freier Autos verrät das Handy. Die Fahrminute kostet 19 Cent, ein Taxi ist deutlich teurer.

Autoteilen (Carsharing) gibt es schon weltweit. Denn es ist schlicht ökonomischer Unsinn, ein so teures Produkt wie das Auto die meiste Zeit ungenutzt herumstehen zu lassen. Zudem schont eine sinnvolle Kombination aus Carsharing und öffentlichem Verkehrswesen die Umwelt. Doch bis heute wirkt Carsharing kompliziert und unkomfortabel. Wer mitmachen will, muss meist einer Art Klub beitreten, der typische Teilnehmer ist umweltbewusst und leidensfähig. Allzu spontan sollte er nicht sein, muss er doch rechtzeitig vorher reservieren und den Wagen pünktlich und am rechten Ort zurückgeben. Mehr Komfort könnte das Konzept jetzt massentauglich machen.

Der überraschende Erfolg von car2go in Ulm, wo vor drei Wochen der 12000. Kunde registriert wurde – das entspricht zehn Prozent der Ulmer Bevölkerung –, belegt, dass es auf einmal eine verbreitete Neugier an Mobilitätsalternativen gibt. Es könnte gut sein, dass künftig immer weniger Menschen glauben, ein eigenes Auto besitzen zu müssen.

Darüber denken längst auch diejenigen nach, die von einem solchen Imagewechsel am meisten betroffen wären. Große deutsche Autobauer haben klammheimlich Thinktanks eingerichtet, in denen sie neue Geschäftsmodelle entwickeln. Und Daimler-Chef Dieter Zetsche meldete sich mit seiner Einschätzung des Jahres 2009 zu Wort: Es sei das "Darwin-Jahr der Automobilindustrie". Darin schwingt mit: Der reine Automobilhersteller ist von gestern. Die Zukunft gehört dem "Mobilitätsdienstleister".

 

Und deshalb ist es für einen Konzern, der heute noch vom Verkauf von Autos lebt, morgen auch plausibel, Carsharing anzubieten. Oder etwa Mobilitätsabonnements, die gegen ein monatliches Fixum den Zugriff auf unterschiedliche Autos an beliebigen Orten erlauben – eben so, wie es der eingangs erwähnte VW-Film über den nostalgischen Vater und seinen Sohn mit dem flunderplatten Sportwagen ausmalt.