Borowski hat Geburtstag, die Krankenkasse und die Telefongesellschaft sagen ihm herzlichen Glückwunsch, die Kollegin Psychologin Jung schenkt ihm ein Einbrecherset am Schlüsselring. Allein und fidel ist er und muss, da ein Mord gemeldet wird, das Eisbein an Krautsalat stehen lassen: Eine gewisse Margret liegt zerschlagen im Hinterhof eines Nobelhotels an der Kieler Förde. Sie nahm Tropfen gegen die Depression – es spricht viel dafür, dass sie sich mit einem Sprung vom Dach aus einer schrecklichen Welt verabschiedet hat.

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An der Küste bläst der kalte Wind Trübsinn in die Seelen, dann zwickt man sich ins eigene Fleisch und will, vom Schmerz ernüchtert, weiterleben. Margrets Tochter ist das typische Kind eines Blumenkindes; sie wurde nach dem Hippie-Idol Janis Joplin benannt und traut wegen dieses Akts der Niedertracht ihrer Mutter jede Gemeinheit zu. An die These vom Selbstmord als dem finalen Trip einer Selbstfindung mag Borowski nicht glauben. Er folgt der Spur und stößt auf Bodo, den Popstar, der nach langer Pause wie einst die Konzertsäle füllt. In der Hochsaison der Revolte liebten sich Bodo und Margret, doch dann spannte der böse Gitarrist Henning "Hendrix" Krause dem Star die Freundin aus.

Wir wissen: Wer die Exzesse überlebt, wechselt zum strengen Bürgertum oder faselt als Kaftanguru, dass die Kessel pfeifen. Krause leitet ein Wellness-Studio, und da ein Haschischrocker nie schweigen kann, sagt er zu Borowski: Es ist innere Alchemie, wenn du dein Fett in Muskeln verwandelst.

Rock ist tot, nur Geisteskranke werfen heute Fernseher aus dem Hotelfenster – der Kommissar lauscht lieber Bodo, der mit alten Liedern die Frauenseelen tröstet. Der krause Kommissar und die kühle Kollegin schmachten sich vor der Hummertapete des Etagenflurs an, um wild umschlungen ins Hotelzimmer zu wechseln.

Wir wussten es schon immer: Die Liebe beginnt mit dem Tod der Psychologie. Borowski ist verknallt, das ist schön, Margrets Mörder läuft noch frei herum, das ist hässlich. Also versucht sich der Kommissar weiterhin als Hotelgastschreck. Margrets Mann hat eine Lebensversicherung abgeschlossen, die begünstigte Janis hätte also einen guten Grund gehabt, Rache zu üben an den Hippies. Sie liebt den Koch Tim, und sie beide träumen vom eigenen Restaurant.

Um alten Glanz, um Verfall und um die Wiedergeburt geht es also in dieser schönen Folge. Borowski will nicht gefährlich leben und jung sterben; der Gitarrist sagt, Jungsein könne man sich erst mit sechzig leisten. Dies sind die Worte eines Menschen, der nicht verwinden kann, dass er sich ins Abseits gekifft hat. Das Kieler Glück ist herrlicher als Rock ’n’ Roll, und die in Kiel Beglückten stehen im Abenddämmer am Fenster und summen lächelnd alte Lieder.

ARD, Sonntag, 20. September, 20.15 Uhr