Seit Jahren, ach Jahrzehnten, ist es eine Art publizistischer Sport geworden, auf dem Autorenkino herumzutrampeln. Zu allen erdenklichen Anlässen wird es für selbstverliebt, unerheblich, dahinsiechend befunden und beerdigt. Und dann doch wieder aus der Gruft gezerrt. Nach der 66. Filmbiennale von Venedig kann man sagen: Das Autorenkino lebt! Es lebt sogar höchst lebendig, von Sri Lanka über Paris bis New Orleans. Es findet zwingende Bildsprachen für zwingende Sujets. Es hat neue Stars, wie den Philippinen Brillante Mendoza, der sich in seinem Film Lola in die Straßen von Manila stürzt und den Existenzkampf zweier Großmütter zu einem Kampf um Schuld und Sühne macht. Und es hat alte Stars wie Werner Herzog, der in Venedig mit zwei Filmen über amerikanische Psychosen ein Comeback erlebte. Auch wenn das Festival nicht den einen großen Film bot, der aus der Bilderflut herausragt und die Augen ein bisschen weiter öffnet, so zeigte es doch, dass sich das Kino weder um seine Vitalität noch um seinen Nachwuchs sorgen muss.

Umso verwunderlicher, dass die Jury unter Vorsitz von Ang Lee mit ihren Hauptpreisen ausgerechnet zwei plakative Filme mit wohlfeilen Botschaften auszeichnete. Ja, auch das können Autorenfilme: vereinfachen, einseifen und mit Schmackes Türen einrennen, die weit offen stehen. Libanon, der Gewinner des Goldenen Löwen, beruht auf einer genialen Idee. Fast zwei Stunden spielt der Film im Inneren eines israelischen Panzers, der sich 1982, während des ersten Libanonkrieges in feindlichem Gebiet verirrt. Mit der Besatzung erlebt man die Außenwelt nur durch Geräusche und durch das Visier. Damit ist auch schon das Beste über diesen Film gesagt. Denn der Regisseur Samuel Moaz nimmt den Zuschauer in emotionale Geiselhaft. Er zwingt ihn, sich mit den vier jungen Soldaten zu identifizieren, die im Panzer schreien, bangen und nach Mama rufen. Etwa, wenn er zu Anfang immer wieder den zitternden Finger des Panzerschützen am Abzug filmt. Erst nachdem ein Kamerad durch sein Zögern stirbt, ist der Mann in der Lage zu töten. Indessen spielt sich vor dem Visier das kleine ABC der Kriegsgräuel ab: sterbender Zivilist, explodierendes Auto, entblößte, schreiende Frau. Dabei macht Moaz seine Soldaten durchweg zu Opfern des Schreckens, den sie doch selbst mit verbreiten.

Diese simple Sicht ist umso erstaunlicher, da das israelische Kino in den letzten Jahren so selbstkritische wie bildgewaltige Kriegsfilme hervorgebracht hat. Vor zwei Jahren etwa lief im Wettbewerb der Berlinale Beaufort von Joseph Cedar über die absurde Verteidigung einer Festung im Südlibanon. Auch hier ging es um blutjunge israelische Soldaten, und auch hier nahm die Kamera ausschließlich die israelische Perspektive ein. Aber es wurde eben auch von der Austauschbarkeit der Soldaten erzählt, von einem Land, das seine Kinder verheizt. Und natürlich kommt man nicht umhin, während der Panzerfahrt in Libanon an Ari Folmans Waltz with Bashir zu denken. Folman, der wie Samuel Moaz sehr jung am ersten Libanonkrieg teilnahm, verarbeitete seine Erlebnisse zu einem albtraumhaft irrlichternden Animationsfilm. Auch seine Soldaten werden in ein Chaos aus Blut, Dreck und Panik hineingeworfen. Sie sind Opfer, aber eben auch Schuldige, die nach ihrer verdrängten Kriegserinnerung suchen.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle eine kleine Forderung formulieren: Filme, die von Opfern nur als Opfer erzählen, sollten von der Teilnahme an Festivals ausgeschlossen werden, da sich Jurys zu leicht zu Betroffenheitsgemeinschaften verbinden. Dieser Effekt hat wohl auch Shirin Neshat zu ihrem Silbernen Löwen für die beste Regie verholfen.

In ihrem Film Women without men erzählt die iranische Installationskünstlerin von vier Frauen in Iran des Jahres 1953. Alle vier leiden unter der Arroganz und Gewalt der Männer, werden von Brüdern oder Ehemännern oder vom Mann an sich unterdrückt. Für die politische Umbruchzeit zwischen britischer Kolonialherrschaft, iranischen Protesten und dem Coup der CIA interessiert sich Neshat nur am Rande. Stattdessen entfaltet sie mit dekorativen Bildern einen Reigen des Leidens, in dem ihre Figuren reine Marionetten bleiben. Da flattern Schleierzipfel pittoresk im Wind. Da schreiten die Heldinnen melancholischen Blickes durch einen utopisch schönen Garten. Und eine Frau stürzt sich in poetisch austarierten Einstellungen von einem Hausdach. Nie sah Unterdrückung schöner aus.

Was hat Fatih Akins neuer Film Soul Kitchen unter diesen Preisträgern mit ihrem Verkündigungskino zu suchen? Eine sympathische, derbe und auch etwas holprige Komödie über Goldkettchenjungs und Kiezganoven mit großer Klappe. Ein Film über zwei Söhne griechischer Einwanderer (Moritz Bleibtreu und Adam Bousdoukos), die sich durchs Leben und die Liebe wurschteln und versuchen, ihr Restaurant vor einem Immobilienhai zu retten. Zwischen Kochtöpfen und Pokerrunden wird hier gefeiert, geliebt, geschrien und gestritten. Trotz seines Temperaments hat Soul Kitchen (Spezialpreis) mächtige Durchhänger, und die früher aus dem Herzen kommende Brüllerei der Helden wirkt inzwischen ein bisschen aufgesetzt. Aber Akin kommt aus einem ähnlichen Milieu und weiß, wovon er erzählt, wenn sein Held Zino mit Klauen und Zähnen für sein Lebensprojekt, den eigenen Laden, kämpft. Sein Film ist ein persönliches Stück Hamburg. Und so beruht auch die Tatsache, dass ein abgerissener Vorstadtschuppen mit schlecht gelaunter Kellnerin und Pommespampe ins internationale Schlaglicht gerät, nicht zuletzt auf dem guten alten Autorengedanken.