Grau ist dieser Montagnachmittag am S-Bahnhof im Münchner Vorort Solln. Trauernde stehen vor Blumen, Kerzen, Zetteln. Auf einem Blatt Papier am Boden der Satz: "Ich möchte Ihnen hiermit meine Ehre erweisen und Ihnen danken, dass Sie auf meine Schwester aufgepasst haben. Danke."

Ein Zug fährt ein; Fahrgäste steigen aus und eilen zum Ausgang. Andere kommen und stellen sich ins Wartehäuschen. Vor zwei Tagen um die gleiche Zeit starb an dieser Stelle zwischen den Gleisabschnitten C und D ein Mann unter den Faustschlägen und Fußtritten von zwei deutschen Jugendlichen.

"22 individualisierbare Verletzungen" zählt der Obduktionsbericht.

Dominik Brunner, 50 Jahre alt, Jurist und Vorstand eines mittelständischen Unternehmens bei Ergoldsbach, das Dachziegel produziert, war am Samstagnachmittag auf dem Weg in seine Sollner Wochenendwohnung gewesen. In der S-Bahn bekam er mit, wie zwei Jugendliche vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen, bedrängten.

Was dann geschah, versuchen Polizei und Staatsanwaltschaft seit dem Wochenende zu rekonstruieren. Ihre Erkenntnisse beruhen bisher nur auf den Aussagen der Kinder, das jüngste Kind 13, das älteste 15.

"Hurensöhne!", hätten die Angreifer gerufen. "Missgeburten! Wir zocken euch ab!" Dominik Brunner griff beschwichtigend ein. Als das nichts nützte, griff er zum Handy. Da bahne sich was an, teilte er per Polizeinotruf mit, man möge eine Streife schicken zum S-Bahnhof Solln, dort werde er mit den Schülern aussteigen. Er soll nicht sonderlich besorgt geklungen haben, er war ja auch nicht der einzige Erwachsene im Abteil. Aber noch immer sucht die Polizei nach Mitreisenden.

Im Frühjahr erst war Dominik Brunner wieder nach Ergoldsbach gezogen, in eine Villa gegenüber dem Haus seiner Eltern, die, alt geworden, Hilfe brauchen. Er pendelte mit dem Zug zwischen Heimatdorf und Stadtwohnung und stieg meist am Hauptbahnhof um. Vermutlich war er bereits im Zug, als die Kinder an der Donnersbergerbrücke zustiegen, verfolgt von den beiden Jugendlichen.