Warum verraten die Wächter des Wortes die Freiheit des Wortes, also den Sinn ihres Daseins? Das Problem ist älter als die Ausladung zweier chinesischer Dissidenten von einem Voraus-Symposion der Frankfurter Buchmesse, auch nicht ein rein deutsches, wie die Zensur eines Buches über die dänischen Mohammed-Karikaturen durch die Yale University Press zeigt. Schon Julien Benda beklagte in La trahison des clercs (1927) die Bereitschaft der clercs (Intelligentsia), ihre Berufung zu verraten. Diese sei "nicht auf praktische Ziele ausgerichtet", sondern auf "Kunst, Wissenschaft oder metaphysische Spekulation – auf immaterielle Güter".

Die "praktischen Ziele" waren in beiden Fällen die mächtigeren. Die Argumente sind vertraut. Ein "größeres Debakel" wollte der Organisator, Peter Rinken, verhindern. Über "Kompromiss" dozierte Buchmessenchef Jürgen Boos, weil man doch "mit den Chinesen reden" wolle, "nicht über sie". Also: " The games must go on " ; außerdem und ungesagt: das Riesenreich, der Markt… Und der Knüppel der Postmoderne: Wir können denen doch nicht unsere Werte aufzwingen, lautet ein Klassiker der Beschwichtigung .

Yale University Press (YUP) trieb diesen Reflex auf die Spitze, als der Verlag zwölf Mohammed-Abbildungen, darunter eine von Gustave Doré, aus dem Buch The Cartoons That Shook the World herausschnitt, weil sie Muslime zur Gewalt "anstiften" (instigate) könnten. Anstiftung ist bekanntlich ein Verbrechen - ist also der Cartoon der Kriminelle? Wollen wir auch Bilder von Botticelli, Dali und Rodin, die Mohammed in Dantes Inferno zeigen, aus den Museen verbannen? Wie wär’s mit antisemitischen Karikaturen aus einer Abhandlung über den Stürmer?

Oder mit diesem Argument für "Verständnis & Toleranz": "Muslimas, die sich nicht züchtig verhüllen, provozieren Verstümmelung und Vergewaltigung"? Falsch im Quadrat, denn nicht die Frau erzeugt die Gewalt, sondern der Täter. Nicht die Karikaturen der Jyllands-Posten haben weltweit Boykott und Mord produziert, sondern, erst nach Monaten, eine sorgfältig eingefädelte Kampagne. Den Islamisten ging es um die Machtprobe im Gewande des Glaubens – wie den Chinesen, die gar nicht erst die Erpressung zu verklären versuchten.

Nicht der Westen drückt dem "Anderen" seine Werte auf, sondern umgekehrt – als Einschüchterung und Machtbeweis. Schändlicher als die Buchmesse hat sich YUP verhalten. Die Frankfurter haben wenigstens verhandelt; YUP signalisierte: Wir gehen vorauseilend in die Knie. Unsere Werte sind uns heilig, aber wir opfern sie vorbeugend auf dem Altar eurer Gewaltbereitschaft. Unbewusst schwingt da ein fürchterlicher moralischer Trugschluss mit: Wir wären die Schuldigen, wenn ihr Tod und Terror gegen uns entfesselt.

Die Buchmesse hat Glück gehabt: Die beiden chinesischen Regimekritiker sind dennoch nach Frankfurt gekommen, und die Offiziellen haben bloß unter Protest den Saal verlassen. "Keine große Sache", wiegelte Peking ab. Ist sie doch. Denn groß war der Mut zweier Einzelner, die sich gegen den "rückgratfreien Diskurs" (NZZ) aufgelehnt haben. "Ich betreibe keine Selbstzensur", sagte Bei Ling. Auf Englisch, damit es auch Yale versteht. "Was ist Meinungsfreiheit?", fragt Salman Rushdie. "Ohne Freiheit zur Kränkung existiert sie nicht."