Und ich frage mich, wieso der aktuelle Pazifismus nicht ohne seinen Schatten, den Antiamerikanismus, auftreten kann. So klassifiziert etwa Precht in seinem Essay den American Way of Life als "die erfolgreichste Massenvernichtungswaffe des 20. Jahrhunderts". Darf man daraus schließen, dass Herr Precht lieber in einem System aufgewachsen wäre, das dem milden Reich des Sowjethumanismus angehörte?

"Freedom isn’t free." Dieser Satz, der sich auf Deutsch nur etwas umständlich übersetzen lässt als "Freiheit ist nicht kostenlos zu haben", macht den Kern des US-amerikanischen Selbstverständnisses aus. Wir Deutschen dagegen scheinen immer noch zu glauben, dass die Freiheit, die uns die Amerikaner nach 1945 beschert haben, ebenso kostenlos war wie die Kaugummis, die sie an die deutschen Jungs und Mädels verteilt haben – und die ihnen manch intellektueller Zeitgenosse heute noch vorwirft.

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne, ein bisschen Liebe – das war die Haltung, in der es sich Deutschland nach seinem barbarischen "Und-morgen-die-ganze-Welt"-Geschrei gemütlich gemacht hatte. Es könnte an der Zeit sein, die Kinderdisco zu verlassen.

In ihrer jüngsten Regierungserklärung zum Afghanistaneinsatz hat die Bundeskanzlerin darauf hingewiesen, dass "die Folgen von Nichthandeln" uns "genauso zugerechnet" werden "wie die Folgen von Handeln". Damit formuliert sie das moralische Dilemma, in dem wir stecken, und beweist ein größeres Gespür für die Tragik der Zeit als unsere Intellektuellen.

Wann hat man sich im Kampf für ein gerechtes Ziel die Hände so schmutzig gemacht, dass man seine moralische Überlegenheit verspielt hat? Wie geht man mit der Schuld um, die man im Krieg zwangsläufig auf sich lädt? Die Diskussion darüber darf nicht den Militärstrategen mit ihrem Unwort vom "Kollateralschaden" überlassen werden.

Was heißt es, die Idee der Freiheit und der Menschenrechte in einer Welt zu verteidigen, in der die Globalisierung – die wir selbst initiiert haben – uns nun zwingt, mit archaischen Stammesgesellschaften zurechtzukommen? An wie vielen Brandstellen der Welt gleichzeitig kann der Westen sich und das, wofür er steht, verteidigen?

Was bedeutet "Krieg" für Generationen, die einen solchen nie am eigenen Leib erfahren haben und also leichtfertig dem Irrtum aufsitzen könnten, es handele sich um ein verschärftes Rollenspiel? Und wie gehen wir als Öffentlichkeit mit getöteten deutschen Soldaten um? Ein apartes Denkmal am Rande des Verteidigungsministeriums wird nicht genügen.

Es ist unredlich, sich diese quälenden Fragen von der Seele zu halten, indem man sich hinter einem Vulgärpazifismus verschanzt, den im eigenen Leben durchzuhalten man keinen Moment bereit wäre.

Thea Dorn, 39, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. 2006 erscien ihr neofeministisches  Buch "Die neue F-Klasse".