Die Volksgemeinschaft wird Republik – Seite 1

Ende 1954, kurz nach der Unterzeichnung der Pariser Verträge, die der jungen Bundesrepublik eine begrenzte Souveränität verschaffen, sitzen Adenauers außenpolitischer Berater Herbert Blankenhorn und der US-Diplomat Charles W. Thayer in Bonn beisammen. Sie sinnen darüber nach, wie sich das eher trübe Bild aufhellen ließe, das sich die amerikanische Öffentlichkeit von der Bundesrepublik und deren Politikern macht.

Seit seiner Zeit als Verbindungsoffizier des ersten Hohen Kommissars John J. McCloy ist Thayer damit beschäftigt gewesen, die Kommunikation zwischen der amerikanischen Besatzungsmacht und den Repräsentanten des westdeutschen Staates zu pflegen.

Auch eilt ihm der Ruf voraus, durch geschicktes Taktieren die Vorbehalte der Eisenhower-Regierung gegen das Weiterwirken von Wehrmachtgenerälen in der Bundeswehr aufgeweicht zu haben – eine dem Präsidenten zugespielte Publikation über den vermeintlichen Widerstandskämpfer Erwin Rommel soll es möglich gemacht haben.

Thayer ist zwar nicht mehr im Dienst, doch weiterhin engagiert und in Bonn ein gern gesehener Gast. Über die technischen Details der geplanten PR-Aktion wird er sich mit Blankenhorn, einem ehemaligen NSDAP-Genossen und Mitarbeiter des Ribbentropschen Außenministeriums, schnell einig. Nachdem sich das traditionsreiche US-Magazin The Saturday Evening Post bereit erklärt hat, einen Artikel des Bundeskanzlers zu veröffentlichen, verfasst Thayer einen ersten Entwurf.

Wie er dem lieben "Blanky" erläutert, soll der geplante Beitrag der angespannten Atmosphäre zunächst dadurch Rechnung tragen, dass er zur Entwicklung der westdeutschen Demokratie und der Gefahr des Rückfalls in den Nationalsozialismus eine eher zweckpessimistische Perspektive einnimmt: schwierige Zeiten, große Probleme. Dann aber soll der Kanzler mit einem positiven Ausblick enden. Sowohl Blankenhorn selbst als auch Adenauers Pressechef Günther Diehl – ein weiterer "Ehemaliger" aus dem Auswärtigen Amt – zeigen sich mit Thayers Konzeption und der Idee eines "happy ending" sehr einverstanden.

Lediglich einen einzigen Korrekturwunsch bringt man an: Da die Entwurffassung auch das Bekenntnis enthält, in der Bundesregierung und im öffentlichen Dienst säßen viele ehemalige Nationalsozialisten, darunter einzelne "sincere believers" (gläubige Anhänger), bittet man höflich darum, die Formulierung doch an dieser Stelle etwas abzuschwächen.

Das ehrgeizige denazification-Projekt

Das ehrgeizige denazification-Projekt

Derartige Rücksichtnahmen und der formvollendete Umgang miteinander wären knapp zehn Jahre zuvor im deutsch-amerikanischen Verhältnis noch undenkbar gewesen. Denn es waren gerade die Amerikaner gewesen, die am stärksten an der Nazibegeisterung innerhalb der Führungsschichten von Militär, Justiz, Wissenschaft und Verwaltung Anstoß genommen hatten.

Konsequenterweise verfolgten die USA in den ersten Nachkriegsjahren eine Politik, die darauf zielte, den deutschen "Sonderweg" des Militarismus und Nationalismus zu beenden und mit den verhängnisvollen personellen und mentalen Kontinuitäten zu brechen.

Bei der Wahl der Mittel zeigte man sich anfangs keineswegs zimperlich. Noch unter dem Eindruck der schrecklichen Bilder aus den befreiten Vernichtungs- und Konzentrationslagern hatten sich die späteren Besatzungsmächte darauf geeinigt, die Deutschen einem umfassenden Umerziehungsprogramm zu unterziehen.

Die Bestrafung der Schuldigen und der systematische Personalaustausch politisch Kompromittierter sollte durch Masseninternierungen, Entnazifizierungskommissionen, Spruchgerichte und Kriegsverbrecherprozesse erreicht werden, beginnend mit dem großen Nürnberger Tribunal der vier Alliierten, vor dem sich 1945/46 die Spitzen der Staats- und Parteiführung verantworten mussten. Beabsichtigt war zudem eine grundlegende Reformierung des Beamtentums, das als ein Stützpfeiler des Obrigkeitsstaates galt.

Das ehrgeizige denazification- Projekt steht in der Geschichte der modernen Industriestaaten ohne Vorbild da und hat seitdem keine direkten Nachfolger mehr gefunden. Es wird noch heute – im Abstand von mehr als sechs Jahrzehnten – zumeist als gescheitertes Experiment betrachtet.

Dabei verweist man gern auf die Diskrepanz zwischen Aufwand und Ergebnis und die niederschmetternde Symbolkraft, die sich aus der alsbald einsetzenden, nahezu schrankenlosen Rehabilitierung von Schwer- bis Schwerstbelasteten ergab.

Und doch sollte man die tendenzielle Verunsicherung nicht übersehen, welche die zeitweilige Ausschaltung aus dem beruflichen und öffentlichen Leben für Hunderttausende ehemaliger Funktionäre und Mitläufer bedeutete. Das zuweilen gedankenlose Gerede über eine "Entstasifizierung" nach 1989/90 blendet ja meist die ganz unterschiedlichen Dimensionen aus. Allein in den westlichen Besatzungszonen wurden bis zu 200.000 Personen zeitweise in "Automatischen Arrest" genommen. Von den Entlassungen waren vorübergehend 150.000 Angehörige des öffentlichen Dienstes und ungefähr halb so viele Mitarbeiter aus Industrie und Handel betroffen.

Knüpfung wirtschaftlicher Netzwerke

Knüpfung wirtschaftlicher Netzwerke

Die Kultursoziologie hat überdies gezeigt, dass es oft just die Abwehr gegen fremde kulturelle Anschauungen und Hegemoniebestrebungen ist, die zu produktiver Betriebsamkeit und paradoxen Effekten der Aneignung und Anverwandlung führen kann.

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Die Verbindung aus Apologie, Distanzierung, Selbstverleugnung und allmählicher Akzeptanz kann man besonders schön im Zusammenhang mit den zwölf Nürnberger Nachfolgeprozessen beobachten, in denen knapp 200 Vertreter der alten Eliten juristisch zur Verantwortung gezogen wurden. Denn eine bemerkenswerte Nebenwirkung der Prozesse war, dass sich hier zwischen 1946 und 1949 ein regelrechter Umschlagplatz für Personalien, Kontakte und Ideen herausbildete.

Noch bevor sich der neue Staat konstituiert hatte, waren im Umfeld der Verfahren gegen belastete Militärs, Ärzte, Unternehmer und Diplomaten bereits professionelle und wirtschaftliche Netzwerke geknüpft worden, die teilweise über Jahrzehnte hinweg Bestand haben sollten.

So war es beileibe kein Zufall, dass eine Reihe von Juristen, die im 1947 eröffneten sogenannten Wilhelmstraßenprozess gegen die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes und anderer Berliner Ministerien entweder als Verteidiger der Häftlinge aufgetreten waren oder ihre Expertisen für die Kampagne zu deren vorzeitiger Freilassung zur Verfügung gestellt hatten, später zu führenden Figuren der westdeutschen Staats- und Völkerrechtslehre aufstiegen.

Der 1934 von seinem Berliner Lehrstuhl verjagte deutsch-jüdische Völkerrechtler Erich Kaufmann zählte ebenso zu diesem Kreis wie der Verfassungsrechtler Ernst Rudolf Huber, der das NS-Regime bis zum Schluss loyal unterstützt hatte. Wegen seiner Lehrtätigkeit an der ideologisch besonders gefestigten "Reichsuniversität" Straßburg war Huber im Frühjahr 1945 von den Alliierten entlassen worden. Jetzt bat ihn sein früherer Assistent, der Anwalt Hellmut Becker, darum, ihm bei der Verteidigung des Exstaatssekretärs im Auswärtigen Amt, Ernst von Weizsäcker, zu helfen.

Scheinkonversionen werden zum Massenphänomen

Scheinkonversionen werden zum Massenphänomen

Becker ging es darum, nachzuweisen, dass die Funktionseliten die wahren Widerständler im "Dritten Reich" gewesen seien, ohne deren hinhaltende Opposition alles "noch viel schlimmer" gekommen wäre. Es war eine Argumentation, die auf die Selbstfreisprechung einer ganzen Generation hinauslief.

Sie diente schließlich auch Adenauers Kanzleramtschef Hans Globke dazu, sich von dem Vorwurf zu entlasten, er sei für die monströsen Nürnberger Rassegesetze mitverantwortlich gewesen, an deren Formulierung er zweifellos mitgewirkt hatte.

Becker, jüngster Sohn des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, zog auch den Berliner Öffentlichrechtler Wilhelm Georg Grewe zu seiner Verteidigungsarbeit hinzu. Grewe gehörte zu den Schülern von Ernst Forsthoff, der Hitler gleich 1933 in seinem Werk Der totale Staat gehuldigt hatte.

Grewe selbst war seit seiner Berufung an die Auslandswissenschaftliche Fakultät der Berliner Universität 1940 ein aufsteigender Stern der NS-Völkerrechtslehre und hatte sich durch etliche Publikationen qualifiziert, darunter eine 1944 verfasste Habilitationsschrift über die Geschichte des Völkerrechts.

Alle genannten Juristen konnten in der Bundesrepublik ihre Berufslaufbahn fortsetzen. Kaufmann, der sich von seinen illiberalen Anschauungen der Zwischenkriegszeit nie distanziert hatte, avancierte zu Adenauers persönlichem Rechtsberater. Huber aus Straßburg, der verfassungsrechtliche Theoretiker des "Führerstaates", gelangte 1962 auf einen Lehrstuhl in Göttingen, nachdem er einige Jahre lang in Freiburg mit Lehraufträgen für Neuere Verfassungsgeschichte überwintert hatte.

Hubers Freund Grewe avancierte zum Spitzendiplomaten und führenden Politikberater der Adenauerära: Im Anschluss an seine Freiburger Lehrtätigkeit leitete er erst die Rechtsabteilung, dann die Politische Abteilung des Auswärtigen Amtes, bevor er als Botschafter nach Washington und ins Brüsseler Nato-Hauptquartier ging. Grewe vertrat die Bundesrepublik in den deutsch-alliierten Verhandlungen über den Deutschlandvertrag von 1952, der den Pariser Verträgen vorausging.

Die Karrieren der ehemaligen NS-Rechtswissenschaftler

Die Karrieren der ehemaligen NS-Rechtswissenschaftler

Die nach seinem Vorgesetzten, dem Staatssekretär Walter Hallstein, benannte Hallstein-Doktrin von 1955 beruht im Wesentlichen auf seinen Vorarbeiten; sie sah den sofortigen Abbruch der diplomatischen Beziehungen Bonns zu Staaten vor, welche die DDR anerkannten.

Wie viele andere ehemalige NS-Rechtswissenschaftler pochte auch Grewe darauf, er habe die Staatsidee vor dem Nationalsozialismus zu schützen versucht und durch die Beschäftigung mit vermeintlich randständigen Rechtsgebieten Distanz zur NS-Ideologie gewahrt.

Seine 1944 fertiggestellte Völkerrechtsgeschichte veröffentlichte er 1984, ergänzt um ein Kapitel zur Nachkriegszeit, in fast unveränderter Form. Es wird kaum überraschen: Der nationalsozialistische Völkermord kommt in diesem Buch, das unter Juristen bis heute als Klassiker gilt, nicht vor.

Im Gegensatz zu Grewes stromlinienförmiger Karriere wirken die Wege des Weizsäcker-Anwalts Becker eher verschlungen. Während er sich einerseits für NS-Massenmörder wie die Einsatzgruppenführer Otto Ohlendorf und Martin Sandberger einsetzte – Becker hielt die beiden Protagonisten des Holocaust für "Idealisten" und "kultivierte Persönlichkeiten" und suchte die Vollstreckung der amerikanischen Todesurteile abzuwenden –, begab er sich andererseits auf die Spuren der Kritischen Theorie.

Es war vor allem sein Interesse an Bildungsfragen, das ihn Anfang der fünfziger Jahre an das von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno geleitete Frankfurter Institut für Sozialforschung führte. Dort übernahm er die Stelle eines Allroundberaters, ohne dass – so darf vermutet werden – seine NSDAP-Mitgliedschaft bekannt wurde.

Mit dem Beschweigen seiner Vergangenheit stand Becker, der späterhin als Bildungsexperte auch in der ZEIT oft zu Wort kam, nicht allein. Identitätskorrekturen und Scheinkonversionen waren in der westdeutschen "Verwandlungszone" zu einem Massenphänomen geworden, das vor allem die gebildeten Schichten ergriff.

Dies fiel auch den Remigranten auf. Zwar werde das Land, so schrieb Horkheimer im Mai 1948 nach seiner ersten Deutschlandreise, immer noch von denselben "reaktionären, aber enorm lebenstüchtigen Eliten" dominiert. Jene befänden sich aber schon in einer "Phase der Umstellung", seien auf der Suche nach "neuen Autoritätshörigkeiten".

Getragen von einem breiten gesellschaftlichen Konsens, ging die erste Regierung Adenauer, eine Koalition aus CDU/CSU, FDP und der nationalkonservativen Deutschen Partei, 1949 zur Abwicklung des alliierten Entnazifizierungsprogramms über.

Reintegration der »verdrängten« Beamten

Reintegration der "verdrängten" Beamten

Wer nicht zur relativ kleinen Gruppe der "Hauptschuldigen" zählte, nicht öffentlich mit neonationalsozialistischem Gedankengut hausieren ging und vor 1945 auch nicht gegen den internen Komment verstoßen hatte (indem er etwa zum Parteipropagandisten geworden war wie Carl Schmitt), konnte mit Absolution und einer glatten Berufskarriere rechnen.

Dies galt für die Justiz und Verwaltungsbürokratie ebenso wie für die Geheimdienste und die Polizei, wo bereits in den frühen fünfziger Jahren eine Vielzahl von Gestapo-Mitarbeitern und SS-Chargen wieder ihr Auskommen fand.

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Demgegenüber hatten die Emigranten das Nachsehen. So waren nach 1933 zum Beispiel an der Heidelberger Universität 64 Hochschullehrer aus politisch-rassischen Gründen entlassen worden (das entsprach einem Viertel des Lehrkörpers). Von ihnen emigrierten 36 – nur vier kehrten an den Neckar zurück. An den anderen Universitäten sah es ähnlich aus.

Sieht man einmal von der parlamentarischen Kontroverse ab, die 1951/52 um den personellen Wiederaufbau des Auswärtigen Amtes entbrannte, verlief die Reintegration der etwa 300.000 nach 1945 kurzzeitig "verdrängten" Beamten, früheren Berufssoldaten der Wehrmacht und einzelnen Kämpfern der Waffen-SS in den Staatsapparat des Bundes und der Länder beziehungsweise in die neu gegründete Bundeswehr überwiegend lautlos.

Es war allerdings weniger die Drohung mit der Strafjustiz, die für das zeittypische Klima des apolitischen Duckmäusertums und bereitwilligen Opportunismus sorgte; schließlich wurden Ermittlungen wegen NS-Verbrechen seit dem Wegfall der alliierten Rechtsvorschriften nur noch sporadisch geführt und eine Anerkennung der Nürnberger Urteile verweigert. Stärker dürfte da schon die disziplinierende Wirkung gewesen sein, die vom alliierten Interventionsrecht und von Adenauers festem Vorsatz ausging, alle extremistischen Bestrebungen im Keim zu ersticken

Zu den wichtigsten Signalen, welche die Westalliierten und die Bundesregierung in dieser Hinsicht aussandten, zählten das Verbot der rechtsradikalen Sozialistischen Reichspartei (SRP) im Oktober 1952 und kurz darauf die Zerschlagung des neonationalsozialistischen FDP-Zirkels um den Goebbels-Vertrauten Werner Naumann in Düsseldorf durch die Briten.

Wie lässt es sich nun angesichts all dieser nicht unerheblichen personellen Hypotheken erklären, dass sich die ehemalige "Volksgemeinschaft" dennoch zu einer liberalen und demokratischen Gesellschaft wandelte? Warum wurden aus früheren Parteigenossen irgendwann Bundesbürger?

Der Auschwitzprozess bleibt vor allem Fritz Bauers Verdienst

 Der Auschwitzprozess bleibt vor allem Fritz Bauers Verdienst

Das "Erfolgsrezept" der Adenauerschen Politik, so heißt es oft, habe darin gelegen, einerseits den Nationalsozialismus zu verdammen, zugleich aber die NS-Belasteten eifrig zu rehabilitieren. Politisches Wohlverhalten sei mit Strafverzicht belohnt worden. In Verbindung mit der Hoffnung auf wirtschaftlichen Wohlstand habe dies Millionen die "Rückkehr in die Bürgerlichkeit" ermöglicht.

Daran ist vieles richtig, jedoch traf dies nur für eine kürzere Latenzphase zu, die etwa bis zur Mitte des Jahrzehnts reichte. Denn noch bevor 1958 die Strafverfolgung von NS-Tätern wiederaufgenommen wurde, hatte sich der Zeitgeist bereits zuungunsten der Täter zu wandeln begonnen.

Damals, gegen Ende der Adenauerzeit, begann jener mühsame Prozess der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen und den an ihnen beteiligten Eliten. Die Münchner Historikerin Irmtrud Wojak hat in ihrer eindrucksvollen Biografie des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer gezeigt, dass es vor allem des Mutes und des Stehvermögens Einzelner bedurfte, um die Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren.

So ist es in erster Linie Bauer zu verdanken, dass die Täter des Vernichtungslagers Auschwitz 1963 vor Gericht gestellt wurden. Bauers ambitionierter Versuch, auch die am NS-Krankenmord beteiligten Ärzte und Juristen zur Verantwortung zu ziehen, scheiterte hingegen am weiterhin intakten Korpsgeist.

Vor allem die Ausgrenzung der Kommunisten und die Versuche der DDR und ihrer fellow travellers, mit ihrer Enthüllungspublizistik auf die "Vergangenheitsbewältigung" im Westen Einfluss zu nehmen, führten zu einer starken Polarisierung, die sich schließlich in den Studentenunruhen der sechziger Jahre entlud.

Auch wenn dadurch Lernprozesse in Gang kamen, deren Demokratisierungspotenziale aus heutiger Perspektive unbestreitbar sind, greifen Begriffe wie Erfolg oder happy ending für die Beschreibung dieser komplexen Vorgänge zu kurz.

Vielmehr lässt sich die Geschichte des westdeutschen Umgangs mit der Vergangenheit nur dann nachvollziehen, wenn man sie als eine Abfolge von eruptiven Auseinandersetzungen begreift – Auseinandersetzungen, in denen sich zuletzt auch die Eliten, ob Juristen, ob Militärs, ob Ärzteschaft, zu ihrem Anteil an den Verbrechen bekennen mussten.

Die Autorin ist Historikerin und lebt in Berlin. 2008 erschien ihr Buch "Eine Gesellschaft ermittelt gegen sich selbst – die Geschichte der Zentralen Stelle Ludwigsburg 1958–2008"; Wissenschaftliche Buchgesellschaft; 224 S., 39,90 €