Wann eigentlich ist uns die alte Bundesrepublik, jener betulich-erbauliche Westteil des heutigen Staates, endgültig entschwunden? War es 1997, als Eduard Zimmermann zum letzten Mal seine legendäre Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst moderierte? Oder lässt sich doch erst dieser Tage vom Untergang der Nachkriegsidylle sprechen, da der Tod des Fernsehfahnders respektvoll erschütterte Nachrufe zeitigte, die sich nur noch älteren Mitbürgern in ihrer historischen Tragweite entschlüsseln? Den Jüngeren ist Zimmermann und erst recht seine von glücklosen Nachfolgern weitergeführte Sendung kaum mehr als "Camp", um den Ausdruck zu benutzen, den Susan Sontag prägte: nämlich ein begeisterndes Beispiel unfreiwilligen Humors.

Zu seiner Zeit aber, in den Jahren 1967 und folgende, war Eduard Zimmermann eine in Bronze gegossene Institution, gerade in seiner treuherzig-biederen Haltung eine Allegorie der kollektiven Verbrechensfurcht. Und kaum weniger treuherzig-moralisch war die Kritik, die sich an ihm entzündete: dass er die Zuschauer, die er an der Fahndung beteiligte, zum Denunziantentum verführe. Noch präsent war die Erinnerung an die Nazizeit mit ihrer Praxis der gegenseitigen Bespitzelung. "Die Treibjagd mit moralischem Alibi ist eröffnet", schrieb der Spiegel, Heinrich Böll nannte die Sendung "ein muffiges Grusical für Spießer", und Ulrike Meinhof begründete mit einer Kolumne in der Zeitschrift konkret eine Feindschaft, die bis zur Proskription Zimmermanns auf den Todeslisten der späteren RAF führte.

Das muss man wissen, um zu verstehen, warum sich Zimmermann seinerseits bald zum Erbfeind der 68er-Bewegung stilisierte – als jemand, der Verbrecher bekämpft, anstatt sie leichtfertig mit Blick auf eine ungerechte Gesellschaft zu entschuldigen. Denn der Satz von den Verhältnissen, die Verbrechen erst erzeugen, war damals gängige Münze unter den Fortschrittlichen und gleichzeitig meistgehasste Formel unter jenen, die sich um Besitz und Sicherheit sorgten. In dem versteinerten Schalterbeamtengesicht Eduard Zimmermanns verkörperte sich einmal im Monat die Furcht der Kleinbürger vor den Gammlern und langhaarigen Studenten, die mit ihrer Empathie für Kriminelle die Schrebergartenidylle gefährdeten.

Das war der Kern der Zimmermann-Debatte, die sich über die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinweg mühelos bis in die achtziger hielt. Dann brachen die Fronten ein, die so lange für den deutschen Westen konstitutiv gewesen waren. Die Studentenbewegung ridikülisierte sich rückblickend im selben Maße, in dem das Schrebergartenmilieu seinen autoritären Schrecken verlor. In die Welt der Zimmermanns und ihrer Feinde drang die Postmoderne ein, der alles und erst recht das Bitterernste zum Gegenstand der Ironie wurde. Das endgültige Ende der alten Bundesrepublik markiert wahrscheinlich das Jahr 1996, als in dem Berliner Bezirk Kreuzberg eine Kneipe öffnete, die sich den Namen eines schweizerischen Mitarbeiters Zimmermanns gab: Konrad Tönz. Im Konrad Tönz sitzt die Jugend noch heute belustigt und erfreut in einem Mobiliar von just jener kleinbürgerlichen Muffigkeit, die einst die Abneigung gegen die Sendung beflügelte.

Aktenzeichen XY, vielleicht muss man daran erinnern, war eine Eurovisionssendung, sie hatte Anspruch auf den ganzen Pomp der Eurovision, einschließlich der barocken Pauken und Trompeten des Te Deums von Charpentier, und wurde für den gesamten deutschsprachigen Fernsehraum des Westens produziert. Es konnte nicht ausbleiben, dass auch die aus Zürich und Wien eingeblendeten Fernsehfahnder zu beliebten, bewunderten wie bespöttelten, schließlich veritablen Comicfiguren wurden. Als der echte Konrad Tönz 1998 die nach ihm benannte Bar besuchte, wurde ein roter Teppich ausgerollt. Er trank einen Cocktail seines Namens; dass er ihm nicht schmeckte, wird ebenfalls in die Legende eingehen.

Indes ist der Aufstieg einer einst gut gehassten Sendung zu Camp und Kult noch nicht durch die postmoderne Spielfreude der Spaßgesellschaft erklärt. Es reicht auch nicht zur Erklärung, dass die laienhaft nachgestellten Szenen der Kriminalfälle schon etwas vorwegnahmen, was heute als Reality-TV ubiquitär geworden ist. Reiz und Grauen für ein Millionenpublikum lagen vielmehr in der kunstvoll ungeschickten Erzählweise, in der Zimmermanns Regisseur Kurt Grimm über 30 Jahre lang brillierte. Unvergesslich der Fall einer Hausfrau, die mit einem Silberbesteck umgebracht worden war. Die grässlich verbogenen Gabeln und Messer, die den Zuschauern anschließend auf blauem Samt präsentiert wurden, ließen schon auf die berühmte Frage warten: "Wer hat dieses Besteck oder Teile davon gesehen oder verkauft oder kennt Personen, die dieses Besteck oder Teile davon…"

Von der Sendung ging ein Schauder aus wie von den Moritatensängern und Horrorkabinetten alter Jahrmärkte. Alles ist echt, alles hat sich wirklich so zugetragen. Das Vorzeigen der Tatwerkzeuge, die Fragen nach Herkunft und Verbleib waren ein Ritual der Beglaubigung wie die Abbildung von Kleidungsstücken der Opfer ("ein Kinderstrumpf, rot und hellgrau, mit den Buchstaben C und F an der Seite"). Im Zusammenhang der Erzählung verloren die Indizien ihren kriminalistischen Sinn und wurden zu Hinweisen auf eine Teleologie des Schreckens. Mit einer solchen braunen Lederjacke fängt alles an, mit diesem Anorak ("Marke Parcours") wird einer zum Täter. Jener Pullover bestimmt ein unschuldiges Kind zum Opfer, dieser BMW, den noch niemand im Dorf gesehen hat, weist auf einen Bankräuber. "Kurz darauf fällt einer anderen Kundin der Kreissparkasse ein junger Mann auf, den sie noch nie im Ort gesehen hat. Es wird nicht das erste Mal sein an diesem Tag, dass sie ihm begegnet." Wenig später hat er sie als Geisel genommen.