Ginge es nach Gerhard Schröder, hätte Angela Merkel die Wahl schon gewonnen. Der Ex-Kanzler verkündete einst, am Erfolg bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wolle er sich messen lassen. Nimmt man das tatsächlich zum Maßstab, hätte die CDU-Kanzlerin ihre Wiederwahl in der Tasche. Denn seit ihrem Amtsantritt im November 2005 ist die Zahl der Arbeitslosen um 1,1 Millionen gesunken. Außer 1990 konnte keine Bundesregierung im vereinigten Deutschland zum Wahltermin eine geringere Arbeitslosigkeit als heute vorweisen.

Die Arbeitslosigkeit schrumpft

Fieberkurven: So viele Jobs fehlen (Angaben in Millionen)

Allerdings gehört zu einer Bilanz am Arbeitsmarkt mehr als nur eine Zahl. Und es stellt sich die Frage, wie weit die wirtschaftliche Entwicklung überhaupt auf das Handeln der Regierung zurückzuführen ist. In der Arbeitsmarktpolitik hielt die schwarz-rote Koalition weitgehend an dem fest, was ihr Rot-Grün hinterlassen hatte. Es gab kleinere Korrekturen, so können ältere Arbeitslose heute länger Arbeitslosengeld I beziehen als vor vier Jahren. Im Übrigen profitierte die Regierung Merkel von einem enormen weltwirtschaftlichen Boom – um dann mit der schwersten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression konfrontiert zu werden.

Mit Milliarden für die Banken, für Konjunkturprogramme und die Kurzarbeit gelang es der Koalition, die Lage zu stabilisieren. Vorerst zumindest. Aber hier kommt das nächste Problem ins Spiel: Viele Folgen wirtschaftspolitischer Entscheidungen zeigen sich erst Jahre später. Was sich heute in den Statistiken spiegelt, ist daher nicht nur von konjunkturellen Ausschlägen mit beeinflusst, sondern auch noch vom Wirken der Vorgängerregierungen.

Zu den Erfolgen der vergangenen Jahre zählt in jedem Fall der starke Rückgang der Arbeitslosigkeit. Selbst in der aktuellen Krise, in der im Schnitt der OECD-Länder die höchste Arbeitslosigkeit seit dem Zweiten Weltkrieg registriert wird, ist Deutschland noch von früheren Höchstwerten entfernt. Das gilt selbst, wenn man zur offiziellen Zahl den Arbeitsmangel addiert, der durch Kurzarbeit und anderes verdeckt wird.

Ein Großteil der seit 2005 neu geschaffenen Arbeitsplätze sind allerdings nicht so sicher und gut bezahlt wie herkömmliche Stellen. Sie sind befristet oder werden von Zeitarbeitsfirmen angeboten. Zudem sind die durchschnittlichen Stundenlöhne aller Arbeitnehmer – nach Abzug von Steuern, Abgaben und Preissteigerung – gesunken. Insofern waren die vergangenen Jahre zwar gut für diejenigen, die einen Job fanden, aber enttäuschend für manche, die längst einen hatten.

Immerhin: Sowohl die Einkommensungleichheit als auch die Armut haben zuletzt abgenommen. Zwischen 2000 und 2005 war beides in Deutschland so schnell gewachsen wie in keinem anderen OECD-Land. Den Hauptgrund dafür sehen Experten in der hohen Arbeitslosigkeit. Denn Erwerbslosenhaushalte verfügen trotz staatlicher Unterstützung meist über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens und zählen daher zu der Gruppe, die offiziell "armutsgefährdet" genannt wird. Ausgerechnet 2006, im ersten Jahr nach Inkrafttreten der als "Armut per Gesetz" kritisierten Hartz-IV-Reform, kam in Deutschland die Trendwende: Rund einer Million Menschen gelang der Sprung aus der Armut. Die Zahlen für das folgende Jahr veröffentlicht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung erst im Oktober. Der positive Trend, sagt der Verteilungsexperte Joachim Frick, habe sich aber fortgesetzt.