Das fängt ja gut an. Es ist 7.30 Uhr, Margret Rössler hat gerade ihren Computer angeschaltet, und schon trifft sie auf ihre Ministerin. "An die Leitungen der Schulen in Nordrhein-Westfalen" ist die E-Mail aus dem Bildungsministerium überschrieben. Die Presse berichte von 40.000 ausgefallenen Sportstunden pro Woche. "Sie alle wissen aus Ihrer Praxis, dass diese Zahlen nicht mit der Realität übereinstimmen." Während sie den Aktenkoffer mit der erledigten Arbeit vom Vorabend auspackt, ärgert sich Rössler: "Woher soll ich wissen, dass kaum Sport ausfällt?" Auch an ihrer Schule gebe sie schließlich eher eine Stunde Turnen dran als eine Stunde Deutsch. Und dann der ministerielle Ton: "Wie Sie alle wissen…"

Doch viel Zeit, sich aufzuregen, hat Margret Rössler nicht. Vor ihrer Tür warten die ersten Kollegen. Ein Lehrer will über einen Neuntklässler sprechen, der vor lauter Fasten im Ramadan dem Unterricht nicht folgen kann. Eine Referendarin kommt mit ihrer Klasse nicht zurecht. Die neue Ein-Euro-Kraft braucht eine Unterschrift für das Arbeitsamt. Alle wollen etwas. Mal Lob, mal Trost, dann eine Idee. Vor allem aber wollen sie Entscheidungen, den ganzen Tag über.

Margret Rössler – 60 Jahre alt, mittellange Haare, Kostüm – ist eine Person von ruhiger Autorität. Chefin eines mittelständischen Betriebes oder Krisenmanagerin einer Firma im Dauerstress, so könnte man sie bezeichnen. Auch als Motivationstrainerin, Qualitätsprüferin oder Öffentlichkeitsarbeiterin für eine Institution, die ins Gerede gekommen ist. Margret Rössler leitet die Dieter-Forte-Gesamtschule in Düsseldorf-Süd. 1100 Schüler, zwei Drittel von ihnen aus Einwandererfamilien, werden hier von 90 Lehrern unterrichtet. Seit zehn Jahren steht Rössler ihnen als Direktorin vor.

Wer sie einen Tag lang begleitet, versteht, warum Bildungsforscher diese Position als die wichtigste im Schulsystem bezeichnen – und wieso gleichzeitig immer weniger Lehrer diesen Beruf ergreifen wollen (siehe Kasten). Nach Schätzungen des Allgemeinen Schulleitungsverbandes fehlt rund 1000 Schulen hierzulande der Chef. Besonders akut ist der Mangel an Grund- und Hauptschulen. Aber auch an Gymnasien oder Gesamtschulen gibt es oftmals nur einen Bewerber, wenn die Stelle frei wird. Von Bestenauswahl kann keine Rede sein.

8.00 Uhr. Margret Rössler wirft einen Blick auf den Tagesplan, den die Schulsekretärin ihr auf den Schreibtisch gelegt hat. Bis nachmittags sind die Stunden durchgetaktet. Ein Referendar wartet auf die Begutachtung seines Unterrichts, ein Lehrer auf ein Beförderungsgespräch. Zugleich kommen die Ergebnisse des Deutschtests in den fünften Klassen heute herein. Als Rössler 1999 ihr neues Amt antrat, gab es viele dieser Termine noch nicht. Keine andere pädagogische Profession hat sich in den letzten zehn Jahren so verändert wie die des Schulleiters. Vorbei die Zeiten, als der "Direx" vor allem als Verwalter des Stundenplans benötigt wurde. Statt Erster unter Gleichen sollen die Schulvorsteher heute Führungspersönlichkeiten sein und die von den Strategen in den Kultusministerien ausgedachten Reformen umsetzen.

"Es gibt keine gute Schule ohne einen guten Schulleiter", resümiert Hans-Günter Rolff, Emeritus an der Universität Dortmund, 30 Jahre Forschung. So weisen US-Studien einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Rolle des Schulleiters und den Leistungen der Schüler nach. In Deutschland belegen vor allem die Ergebnisse der Schulinspektionen die zentrale Bedeutung der Direktoren. Und bei den Gewinnern des Deutschen Schulpreises "trifft man durchweg auf starke Persönlichkeiten an der Spitze", sagt das Jurymitglied Manfred Prenzel, Leiter der letzten Pisa-Studie. Umgekehrt stimmt die pädagogische Gleichung ebenso: Inkompetente Schulleiter demotivieren die gutwilligsten Lehrer und lähmen die Beziehung zu den Eltern. Dass die Berliner Rütli-Schule vor drei Jahren zum Symbol des Scheiterns wurde, lag auch an jahrelanger Führungslosigkeit – die Schulleiterin war dauerkrank.

9.00 Uhr. Der wichtigste Termin des Tages steht gleich am Morgen an: Die Schulleitung kommt in Rösslers Eckbüro zu ihrem wöchentlichen Jour fixe zusammen. In dem düsteren Siebziger-Jahre-Bau aus Beton und Stahl hat sich die Schulleiterin den hellsten Raum reserviert. Auf dem Tisch stehen Kaffee und Kekse. "Selbst bezahlt", sagt Rössler: "Für so etwas gibt es in der Schule kein Geld."