Wir wollen hier nicht das eine gegen das andere ausspielen. Aber die Verfeinerung der Sitten und die Humanisierung unserer Gesellschaft haben auch Verluste gebracht. Bestimmte ästhetische Erfahrungen sind von der Speisekarte der Moderne ganz verschwunden. Begründung: moralisch unbekömmlich. Abgekürzt kann man es so umreißen: Alles, was mit barbarischer Beherztheit auf die Eingeweide des Zuschauers zielt, ist über die Jahre aus dem Kunstkanon verbannt worden. Wer das, modernekritisch, nicht hinnehmen will, der kann sich nun Ben Hur Live, diese Renaissance eines römischen Spektakels, anschauen.

Die Verfilmung von Lewis Wallace’ Roman Ben Hur mit Charlton Heston war 1959 die bis dahin teuerste Kinoproduktion der Welt. Der Film räumte auf einen Schlag elf Oscars ab. Der deutsche Impresario Franz Abraham knüpft jetzt an diese Superlativ-Show an und setzt noch einen drauf: den legendären Sandalenfilm als Livespektakel. Kostenpunkt: sieben Millionen Euro. 400 Komparsen hat er rekrutiert, 100 Tiere sind im Einsatz, es gibt Kettengerassel und Peitschenknall, große Jahrmarktsszenen, eine züchtige Orgie und natürlich Feuerwerk. Die Nebelmaschine dampft, Staub wirbelt auf, die Pferde wiehern, die Musik (von Stuart Copeland) dröhnt, fünf Vierspänner treten zum berühmten Wagenrennen gegeneinander an. Und mittendrin: Jesus Christus und seine Friedensbotschaft. Er gibt den Dürstenden Wasser und tröstet die Verzweifelten, und selbst die römischen Legionäre weichen vor seiner Barmherzigkeit zurück. In der O2 Arena in London, dem einstigen Millennium Dome, hatte Ben Hur Live jetzt seine Premiere, nächste Station ist die Color Line Arena in Hamburg.

Das ästhetische Ideal eines Spektakels ist nicht die perfekte Simulation, sondern das echte Blut. Natürlich darf heute kein Blut mehr in der Arena fließen, sein zivilisatorisch erlaubter Ersatz aber ist der Schweiß. Die Komparsen verströmen ihn, und die Zuschauer atmen seine Wolken wie Weihrauch, der die Echtheit des heiligen Kampfes bezeugt.

Das Prinzip Zirkus setzt auf die Körper, nicht auf die Seelen. Das ist kein Nachteil. Psychologische Kammerspiele kennen wir genug. Bei Ben Hur Live hingegen machen wir die interessante Erfahrung, dass die Dressur eines Pferdes, das die Bürger Jerusalems bedrohlich zusammentreibt, unter Umständen aufregender ist als die Charakterdarstellung eines Schauspielers. Postheroische Zivilisten, die wir sind, lernen wir erneut den Kitzel kennen, der aus der Magengrube kommt, wenn hundert Legionäre im Gleichschritt marschieren. Es sind echte guilty pleasures , lasterhafte Genüsse, die Franz Abraham uns gönnt.

Die Körper schwitzen, die Körper kämpfen, und die Körper sterben – das war die Idee des Gladiatorenkampfes. Weil sie ihr eigenes Leben riskierten, konnten die Gladiatoren sich den Umweg des Theaters ersparen, in fremde Rollen zu schlüpfen. Ihr Überlebenskampf war Plot genug. So weit geht Ben Hur Live nicht. Es erzählt eine Geschichte, die von der Versöhnungskraft Jesu Christi handelt. Mit dem gewohnten Ressentiment gegen Besatzungsmächte wird der antirömische Affekt gepflegt. "Der Wille Roms war das Schicksal der Welt", erklärt der Erzähler dräuend. Gegen Roms Legionen verkündet Ben Hur die Macht der Liebe und der Vergebung. Dass diese Botschaft in scharfem Kontrast zur martialischen Prachtentfaltung der Inszenierung steht, ist ein so offensichtlicher Widerspruch, dass es kleinmütig wäre, sich daran zu stören: ein bisschen Gottesdienst, ein bisschen Brot und Spiele. Der Mensch will den Thrill, aber er will auch das Gute.

Kurzum: Ein solches Spektakel ist nicht erhaben, sondern durchgeknallt. Vielleicht ist deshalb auch die Bühnensprache (bis auf den Erzähler) Latein und Aramäisch. Einmal aber ist ein deutscher Satz zu hören: "Halt’s Maul, Jude!" Da war dann doch ein Hauch Regietheater in der Luft.