Demonstranten besetzen die Bühne, ein Transparent wird enthüllt mit der Aufschrift "Subventionierter Antisemitismus". Daniel Cohn-Bendit krakeelt im erregten Publikum, dass er für alle Verständnis habe: für die Demonstranten und für den Dramatiker, leider schon tot. Bald ein Vierteljahrhundert ist diese Frankfurter Szene her, die deutsche Kulturgeschichte schrieb, in jener Zeit, als Richard von Weizsäcker seine 8.-Mai-Rede hielt, Helmut Kohl und Ronald Reagan den Soldatenfriedhof in Bitburg besuchten und der Historikerstreit um die Unvergleichbarkeit von Kommunismus und Nationalsozialismus tobte. Das Theaterstück, um das es ging, Rainer Werner Fassbinders Der Müll, die Stadt und der Tod, konnte an jenem Abend im Oktober 1985 nicht aufgeführt werden – und dabei ist es, bis auf eine geschlossene Pressevorführung wenige Tage später, in Deutschland auch geblieben. Kunstfreiheit gegen Antiantisemitismus: so lautet die Schlachtordnung; die Nation debattierte sich die Köpfe heiß. Fassbinder hatte im Stück die Figur eines reichen jüdischen Häuserspekulanten erschaffen, der eine Prostituierte erwürgte; in manchem war der Spekulant ersichtlich von Ignatz Bubis, Frankfurter Immobilienhändler und nachmaliger Zentralratsvorsitzender der Juden, inspiriert. Die Geschichte des Stücks ist längst selbst schönster Bühnenstoff, mit reichlich Theatralik und klassischer Rollenprosa.

Momentan findet das Schauspiel in Mülheim statt. Dort will Theaterchef Roberto Ciulli am 1. Oktober das Stück im Rahmen eines Fassbinder-Abends mit zwei anderen Werken auf die Bühne bringen. In der vergangenen Woche reiste der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer, an und sah sich mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde und deren Geschäftsführer eine Probe an; sie sprachen auch mit Ciulli und dessen Dramaturgen Helmut Schäfer. "Die Reduzierung von Menschen auf Karikaturen, wie Fassbinder es bezweckt, ist in der geplanten Aufführung durchgängig vorhanden und zutiefst unmenschlich, ja menschenverachtend", begutachtete der angereiste Sachverständige die Probenarbeit und erahnte bereits die Empfindungen des Publikums: "Trotz aller Bemühungen des Regisseurs, das Gegenteil zu bewirken, bleibt der Zuschauer mit dem Bild eines reichen, raffgierigen und zerstörerischen Juden zurück, der sein Werk noch dazu auf dem Fundament des Schuldvorwurfs gegen Deutschland vor dem Hintergrund des Holocausts heimtückisch verrichtet." Ciulli und Schäfer wehrten sich auf einer Matinee vor gut gefülltem Haus und zahlreichen Fernsehkameras: Der eigentliche Skandal sei, dass Fassbinder als Antisemit gelte, obwohl er den Antisemitismus auf die Bühne bringen wollte. Der kürzlich verstorbene Peter Zadek sah das 1985 anders, argumentierte aber dennoch erfrischend unkonventionell für das Stück, "eines der schwächsten von Fassbinder": Es sei natürlich antisemitisch und müsse gerade deshalb aufgeführt werden. Den Mülheimer Theatermachern dürfte jedenfalls der plötzliche Rummel nicht ungelegen kommen.

Auch wenn also alle ihre einstudierten Rollen spielen, scheint der identitätspolitische Furor von einst abhandengekommen zu sein. Der Rauch über den Schlachtfeldern hat sich verzogen, im ritualisierten Schauspiel ist die Farce unverkennbar. Die Gespenster der Vergangenheit zu bannen, indem man ein schwaches Fassbinder-Stück auf die Bühne bringt: Am 1. Oktober wird man sehen, ob dieser Weg in Mülheim beschritten wird. Die ideell-ästhetischen Gewinne oder Verluste dürften sich in überschaubaren Grenzen halten.