Es war das, was man eine verheimlichte Schwangerschaft nennt. Die knapp gehaltene E-Mail ließ die Chefin erst verschicken, als sie ihr Kind schon entbunden hatte: "Vorübergehender Führungswechsel." Ende Oktober, nach dem ihr gesetzlich zustehenden Mutterschaftsurlaub von 16 Wochen, werde Jasmin Staiblin zurückkehren. Ihre Aufgaben würden bis dahin von ihrem Chef übernommen. So weit, so gut organisiert.

Die junge Mutter aber, deren Partner man nicht kennt, von deren Privatleben man nichts weiß, ist Chefin des Technologiekonzerns ABB Schweiz, mit 6300 Mitarbeitern und einem Umsatz von fast 3 Milliarden Euro, sie sitzt im Vorstand des Wirtschaftsverbandes Economiesuisse und im Verwaltungsrat der Neuen Aargauer Bank. Die 39-jährige Jasmin Staiblin ist die einzige Frau in der Schweiz, die es kraft ihres Könnens auf den Chefsessel einer bedeutenden Firma geschafft hat. In den Geschäftsleitungen der 100 größten Schweizer Unternehmen gibt es gerade mal fünf Prozent Frauen. Darunter sind fast keine Mütter. Jasmin Staiblin ist also das, was man ein Vorbild nennt.

Vielleicht war Staiblin so verschwiegen, weil sie ahnte, was kommen würde, weil sie wusste, wie unsicher unsere Gesellschaft immer noch ist im Umgang mit den neuen Rollenbildern. Aber sie hat die Mutterschaft wohl auch gewagt, weil sie beim Studium in Schweden ein System kennengelernt hatte, in dem Mütter in Führungspositionen zum Alltag gehören. Leider ist das in der Schweiz noch anders. So fragte der Chefredakteur der rechtskonservativen Weltwoche: "Darf die Chefin in einer großen Wirtschaftskrise schwanger werden? (…) Am Ende ist Wirtschaft wie Krieg: Armeen brauchen gute Generäle, die vor allem im Ernstfall verfügbar bleiben müssen."

Man sprach Staiblin "das Recht auf 16 Wochen Selbstverwirklichung" ab. Die Polemik aber hatte auch ihr Gutes, weil sie eine differenzierte Debatte über die Rolle von Frauen in der Wirtschaft beförderte. Man schrieb mal wieder, welch ökonomischer Unsinn es ist, wenn Mütter zu Hause bleiben müssen, weil es keine geeigneten Betreuungsmöglichkeiten gibt. Und man erinnerte an Männer wie den ehemaligen Chef der ABB, Fred Kindle, der nach einem Machtkampf Knall auf Fall die Firma verlassen musste. Ein halbes Jahr lang wurde nach einem neuen Mann gesucht. Es gibt den Konzern noch heute.