Kommen die großen Geiger dieser Welt einzig mit einem Klavierbegleiter auf die Bühne, beginnen die großen Komponisten dieser Welt im Elysium ahnungsvoll zu stöhnen. Sie wissen, was passiert: Der Konzertflügel wird weit hinten stehen, sein Deckel wird nur einen Spalt in den Resonanzraum freigeben, der Pianist wird als Kadett dienen, der artig sekundiert und keinesfalls zu laut ist.

Zu den vielen Irrtümern, die von der Musizierpraxis nie ausgeräumt wurden, zählt das Gerücht, Violinsonaten seien das komponierte Scheinwerferlicht für Geiger, das den Pianisten nur den Schatten übrig lässt. Viele Kompositionen aus Barock und Klassik sind ausdrücklich für Klavier und Violine geschrieben (in dieser Reihenfolge und Wertigkeit), und es gibt viele Momente, da das Klavier die Hauptattraktion ist und die Violine didl-dudl-didl-dudl macht. Dieses Prinzip der Gleichberechtigung wird von den meisten Geigern bestritten. Ihr Selbstverständnis: Ich werde als Star gebucht, wieso soll ich im Konzert die zweite Geige spielen?

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Jetzt kommen Alexander Melnikov (Klavier) und Isabelle Faust (Violine) mit einem Partner, den manche gern vergessen: der Physik. Tatsächlich geht die Geige akustisch nie verloren. Darauf verließ sich auch Beethoven. Er wies seine zehn Sonaten für Klavier und Violine als demokratische Aktion aus, als klassisches Manifest im Geiste barocker Polyfonie. Melnikov und Faust haben vor der Aufnahme merklich die Noten studiert und Klartext gedacht: Wer führt wo, wer muss sich zurücknehmen? Erst aus dieser Justierung der Gewichte gelang ihnen das ganz Große und Einmalige: die Entdeckung Beethovens aus dem Geist der Partnerschaft.

Man höre etwa das Adagio aus der Es-Dur-Sonate op. 12/3: Da klingen die Geigenakkorde so zart und beiläufig unter der Melodie des Klaviers, als sei Faust mit ihrer Stradivari um den Steinway herumgegangen und hinter ihm stehen geblieben. Hier ist es windstill, hier warten einstweilen keine Soli, in gleichsam räumlicher Dimension scheint alte Aufgabenverteilung neu geordnet. Auch Melnikov begreift seinen Beethoven als Anleitung zur Diskretion. Sein Spiel ist fein austariert, springt leicht an, biegt sich schnell ins Piano zurück. Faust musiziert mit bisweilen geradezu schüchternem Vibrato, das unendlich wohltut und Leidenschaft nicht durch heftige Wackelei auf dem Griffbrett ausdrückt. Fausts Geigenspiel fragt nicht mehr nach moderner oder historischer Spielweise: Es ist bereits die Synthese.

Neben ihrer virtuos-intellektuellen Meisterschaft ist die flexible Dynamik das Markenzeichen dieser Interpreten. Im Andante der D-Dur-Sonate op. 12/1, diesem wunderbar schwerelosen Variationensatz, gibt es eine Passage, da Fortissimo und Piano von Takt zu Takt wechseln. Das ist unheimliches Theater, beinahe verrückt in seiner Gestik – bei Melnikov und Faust klingt es, als laufe ein Film über Ebbe und Flut im Zeitraffer ab. Anderswo wird legendenhaft aufgeladene Musik erfreulich enthysterisiert, was vor allem die Kreutzer-Sonate op. 47 von dem Verdacht befreit, sie sei womöglich erst nach Leo Tolstois gleichnamiger Novelle entstanden.

Werkstatt und Aufnahmelabor der Musiker öffnen sich auf der beigelegten DVD. Hier hört man den Funkverkehr zweier Musiker und überraschende Mängelbefunde. Melnikov einmal beim Abhören eines Bands: "Hat das schon genug Elektrizität?" Die Innenschau gipfelt verblüffend im Bekenntnis zur Vorläufigkeit: "In einem Jahr werden wir das möglicherweise alles wieder ganz anders machen!" So lange müssen wir nicht warten: Anfang Dezember spielen Melnikov/Faust diese zehn Sonaten an drei Abenden im Düsseldorfer Robert-Schumann-Saal. Wir ahnen, dass sie dann nur einen einzigen Konkurrenten haben werden: sich selbst. Wolfram Goertz

Harmonia mundi - 4 CDs plus DVD HMC 902025.27