Im Zuge der von allen Seiten proklamierten Finanzkrise war es für mich unerlässlich geworden, einmal gründlicher über meinen Wohnungskollegen Andreas nachzudenken. Ich war nun bereits das fünfte Jahr sein und seines Bruders Untermieter, benützte ihr Bad und ihre Küche, labte mich an den Essensvorräten ihrer Mutter und surfte an ihren Computern im Internet. Alles in allem war unser Verhältnis sehr entspannt: Andreas’ Bruder ging jeden Tag zur Arbeit, ich ging jeden Tag an die Uni, und Andreas? – Andreas tat nichts!

Schon bald nach meinem Einzug bemerkte ich, dass Andreas viel fernsah, sehr viel einkaufte und überhaupt ein äußerst amüsantes Leben führte. Offiziell war er für ein naturwissenschaftliches Studium immatrikuliert, doch inoffiziell verwendete er seine Zeit dafür, bei eBay DVD-Player und Fahrradreifen zu bestellen, und manchmal, wenn er besonders gut gelaunt war, ließ er zweimal am Tag den Pizzadienst in unsere schicke Wohnung im vierten Stock laufen.

Ich beobachtete dieses Verhalten eine Weile und fragte mich, woher Andreas all das Geld nahm, doch bald wurde mir bewusst, dass jeder Euro von seinen Eltern kam, die offenbar kein Problem damit hatten, wenn Andreas ihr Geld in Mischpulte, Festplatten, ein Rennrad, zwei Lederjacken und drei Illustrierten-Abos steckte. Aufmerksam stellte ich fest, dass Andreas bis Mittag unter seiner blauen Daunendecke hockte, dann Die Simpsons und eine Zoosendung durchaus nicht verpassen wollte und schließlich so um vier schick angezogen aus dem Zimmer trat, um mit seinem Auto ein wenig durch die Stadt zu fahren.

In mir regte sich Unmut, doch weil ich Andreas sympathisch fand, sagte ich mir: "Andreas ist ein postmoderner Dandy, und du bist ein bisschen neidisch!" Nun ist der klassische moderne Dandy tatsächlich überhaupt keine unsympathische Figur. Baudelaire, der Pariser Flaneur, warf zwar das Geld seiner Eltern zum Fenster hinaus, doch er schrieb prekäre Gedichte und stützte sich beim Spazieren auf einen überaus mondänen Gehstock. Oder man denke an Monsieur Swann, den Schürzenjäger, der allen Frauen nachstieg. Auch ihm kann man in seiner romantischen Trägheit unmöglich böse sein. Swann und Marx gingen durchaus auf demselben Gehsteig oder Trottoir. Ich stellte mir Swann vor, wie er mit Marx in der Stadt flanierte, und wenn sie an einer Textil-Fabrik vorbeikamen und durch die Fenster lugten, dann sah Marx Schweiß und Entfremdung, Swann hingegen erspähte hinter den Nähmaschinen große und kleine Brüste, süße Lippen und verführerische Augen.

Aber war Andreas so wie Swann? Ich musste mir, um meiner Eitelkeit genüge zu tun, eingestehen, dass ich viel mehr Damen um den Finger wickelte als Andreas.

Eines Tages nahm mein Unmut ein so großes Ausmaß an, dass ich mich bemüßigt fühlte, irgendwie einzuschreiten. Lag in der Lebensweise meines Wohnungskollegen nicht eigentlich ein Affront gegen mich und die Gesellschaft, und konnte man das von einem ethischen Standpunkt nicht zu Recht bedenklich finden? Ich lief in sein Zimmer. Andreas lag in seinem Bett und las in der Bedienungsanleitung zu dem neuen Auto (BMW 3, 306 PS), das ihm seine Eltern überlassen hatten. Ohne recht eine Einleitung zu finden, sprach ich ihn an: "Andreas – findest du nichts dabei, den ganzen Tag im Bett zu liegen? Du studierst nicht, du arbeitest nicht, du schreibst keine Gedichte, aber das Geld deiner Eltern, das verbrätst du ganz ungeniert!"

Andreas hob verwundert den Kopf und betrachtete mich eine Zeit lang still. Er hatte sich in seine schöne blaue Decke gewickelt, obwohl es frühsommerlich warm war. Dann antwortete er: "Ist es nicht so, dass deine Mutter in einem Sportfachgeschäft an der Kasse steht und arbeitet, damit du studieren kannst?" Ich nickte mit dem Kopf. "Und ist es nicht so, dass deine Mutter diesen Job bekommen hat, weil ihre Firma gute Umsätze macht?" Ich nickte. "Und macht die Firma deiner Mutter nicht deshalb so gute Umsätze, weil ich zum Beispiel so verrückt bin, mir drei Fahrräder zuzulegen?" Ich nickte abermals. "Und könnte man nicht folglich sagen, dass du nur deshalb deinen Studien nachgehen kannst, weil ich wieder einmal nichts Besseres zu tun hatte, als mir ein Rennrad zu kaufen?" Ich verließ das Zimmer mit geschwollenem Kragen.