Le Monde Diplomatique und glühende Verehrer Fidel Castros. Dort die Bundeskanzlerin aus dem deutschen Osten, konservativ und stramm an der Seite Amerikas.

Angela Merkel und Ignacio Ramonet brauchten eine Weile, um sich zu finden. Kein Wunder, bei der Distanz. Hier der überzeugte Linke, der langjährige Leiter der globalisierungskritischen Wochenzeitung

Ramonet hat vor zwölf Jahren einen wütenden Leitartikel geschrieben. Damals zwangen Währungsspekulanten die asiatischen Volkswirtschaften in die Knie, und Ramonet forderte: Eine weltweite Steuer auf Finanztransaktionen solle "die Märkte entwaffnen". Der Artikel gab den Anstoß für die Gründung der linksalternativen Bewegung Attac. Die Finanzmarktsteuer wurde zum Symbol für einen gerechteren, einen gezähmten Kapitalismus. In der CDU galt sie als fixe Idee realitätsblinder Spinner.

Wie sich die Zeiten geändert haben! Am Donnerstag beginnt in Pittsburgh der Weltfinanzgipfel der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer – und Ramonets Finanzmarktsteuer steht auf der Agenda. Ausgerechnet auf Initiative Angela Merkels und ihres Finanzministers geriet sie dorthin. Auf einmal gehört die Zockerabgabe ins Establishment. Und ihr Weg ins Zentrum der Macht zeigt, wie sehr die Krise das Denken der Ökonomen und das Geschäft der Politik verändert hat.

Der Weg beginnt 1936 in London. Der britische Ökonom John Maynard Keynes veröffentlicht sein Hauptwerk, die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Keynes hat die Überhitzung der Finanzmärkte in den zwanziger Jahren mit großer Sorge beobachtet. Nun fordert er die "Einführung einer substanziellen Transfersteuer auf alle Transaktionen" – um die "Vorherrschaft der Spekulation" zu brechen.

Doch dazu kam es nicht. Jahrzehnt um Jahrzehnt konnten die Zocker an ihren Techniken feilen. Die neueste Mode an der Wall Street ist der Hochfrequenzhandel: Da nutzen Finanzfirmen Hochleistungsrechner, die eine Order innerhalb von zehn Millisekunden abwickeln können. In dieser Zeit kann ein Mensch nicht einmal blinzeln. Mindestens die Hälfte aller Aktienumsätze wird inzwischen auf solche Art gemacht, schätzt man beim New Yorker Wertpapierhaus Rosenblatt Securities.

Bei einer anderen Spielart der Spekulation, den "Flash Orders", bekommen einige Handelsteilnehmer Sekundenbruchteile früher als andere Marktteilnehmer die Information über einen neuen Deal zugesteckt. Auch dies machen die Computer möglich. Diesen Vorsprung nutzen die Banken, indem sie die Aktie kaufen und gleich wieder etwas teurer verkaufen. Pro Aktie verdienen sie vielleicht nur einen Cent, doch in der Summe lohnt es sich.

Gegen solche Praktiken vorzugehen galt unter führenden Ökonomen allerdings bis zuletzt als unfein. Finanzmärkte, so argumentierten sie, sind grundsätzlich effizient. Das bedeutet: Die Kurse von Wertpapieren spiegeln den tatsächlichen Wert im Wirtschaftsgeschehen wider. Denn wenn der Kurs einer Aktie unter den wahren Unternehmenswert fallen sollte, findet sich bestimmt ein gewitzter Händler, der diese Aktien kauft. Das treibt den Preis dahin, wo er hingehört. Je größer der Kreis der Investoren, je öfter Aktien hin- und hergeschoben werden, desto besser. Je mehr Menschen sich beteiligen, desto richtiger ist der Preis, desto mehr Informationen werden berücksichtigt. Außerdem wird es billiger, mit Wertpapieren zu handeln, weil zusätzliche Käufer und Verkäufer bereitstehen. In der Sprache der Ökonomen: Die Märkte werden liquider.