Neidvoll blickt England nach Deutschland. Britische Medien sind jetzt gar vom flauen deutschen Wahlkampf fasziniert. Erst nannte die Times Günter Grass die "Geheimwaffe" der SPD, die den Kampf um Berlin entscheiden könnte. Kurz darauf feierte der Guardian Angela Merkel als Anführerin einer "leisen Revolution". Die andauernde Anteilnahme des britischen Empire an der Wahl im Kontinentalreich lässt darauf schließen, dass viele Engländer Probleme haben, sich im eigenen Land noch für irgendetwas zu begeistern. "Mehr als die Hälfte aller Hundebesitzer führen ihren Hund nicht mehr Gassi", lautet der Befund einer aktuellen englischen Studie. Schlimmer noch, warnen die Forscher, Frauen und Kinder werden schon gar nicht mehr ausgeführt! Dabei herrscht für Letztere in London – abgesehen vom Börsenviertel – schon seit Jahren kein Leinenzwang mehr. Das Einzige, was die Engländer noch umtreibt, ist der Sport. Die Niederlage der englischen Frauen im Finale der Fußballeuropameisterschaft vor zwei Wochen stimulierte sogleich das legendäre Geschichtsbewusstsein der Insulaner: Was zählt das 2:6-Desaster gegen Deutschland, skandierten einige Fans, angesichts von "One Worldcup and two World Wars"?! Engländer leben nun mal am liebsten in der Vergangenheit, und so erinnern sie sich auch noch an den Umzug der gebürtigen Hamburgerin Angela Kasner in die DDR im Jahr 1954, den letzten revolutionären Akt im Leben Frau Merkels, und an Günter Grass. Müssen wir Deutschen ihnen erklären, warum unsere Geheimwaffen nicht mehr aus Peenemünde, sondern aus Danzig kommen? Sollen wir uns dafür entschuldigen, dass deutsche Revolutionen so leise sind, dass niemand sie bemerkt?

Vielleicht können wir von den Engländern lernen, während wir sie unterhalten. Engländer entschuldigen sich, so hat die Soziologie herausgefunden, nämlich selbst dann, wenn sie von anderen angerempelt werden. In England entschuldigen sich sogar die Busse, wenn sie nicht mehr fahren. "Out of Service. Sorry" steht dann auf der Leuchtanzeige. Wenn Günter Grass nicht einschlägt, werden Steinmeier und Müntefering wohl oder übel Herrn Lafontaine um Verzeihung bitten und das Guidomobil dauerhaft am Werderschen Markt parken lassen müssen. Die Aufschrift wird lauten: "Entschuldigen Sie bitte, ich bin angekommen!"