ZEITmagazin: Frau Berben, Frau Schüttler, können Sie sich an Ihre erste Begegnung erinnern?

Iris Berben: Da will ich erst mal Katharinas Version hören!

Katharina Schüttler: Also gut. Es war beim Casting für Es kommt der Tag , ein sehr spezielles Erlebnis. Ich gestehe, dass ich Vorurteile abbauen musste. Iris Berben in einem Arthouse-Film – von der Vorstellung war ich irritiert. Ich hatte auch eine gewisse Befangenheit, weil ich nicht wusste, wie ich mit ihr umgehen sollte. Mein vorherrschendes Gefühl war: Ich will sie nicht schonen, nur weil sie Iris Berben ist. Wir haben dann gar nicht viele Worte verloren und gleich gespielt. Eine sehr heftige und emotionale Szene. Ich habe immer wieder gegen die Tür getreten, bis es hieß: Moment mal, könnt ihr das Haus bitte stehen lassen?! Ich war wirklich in einem Kampfmodus. Meine Gefühle haben sich vermischt mit der Aggression und der Unerbittlichkeit der Rolle.

ZEITmagazin: Die Geschichte von Es kommt der Tag dreht sich um die ehemalige Terroristin Judith, die unerkannt mit einer neuen Familie ein Leben in Frankreich führt, bis ihre Tochter Alice sie aufspürt. Die Mutter hatte die Tochter weggegeben, als sie in den Untergrund ging. Jetzt will die Tochter die Mutter zwingen, sich zur Vergangenheit zu bekennen – und zu ihr.

  Berben: Dieses Casting war grausam. Katharina hat mir Sätze an den Kopf geworfen und ich ihr. Dabei sollten wir uns jeweils einen Schritt nähern, mit jedem Satz.

Schüttler: Wir mussten Sätze sagen, die uns, als Alice und Judith, in den Sinn kamen, und dann ein Stück näher rangehen. Ich sagte immer wieder: "Du bist schuld."

Berben: Katharinas Lieblingssatz!

Schüttler: Alice’ Lieblingssatz, nicht meiner... Und dann sagte Iris: "Ich kann nicht mehr!" Wieder ein Stück vor. So ging es immer weiter, immer näher.

Berben: Für mich ist diese erste Begegnung unvergesslich, weil ich mich 35 Jahre lang geweigert habe, zu Castings zu gehen – nicht aus Arroganz, sondern aus Angst. Ich habe nur ein Casting gemacht damals, mit Bob Fosse für Cabaret mit Liza Minelli. Die Rolle hat später die wunderbare Marisa Berenson gespielt.

ZEITmagazin: Ein traumatisches Erlebnis?

Berben: Traumatisch, weil ich unter einem fürchterlichen Druck stehe, sobald ich mich für etwas qualifizieren muss, darum habe ich auch damals nicht die Führerscheinprüfung gemacht. In der Volksschule hatte ich nur Einsen, ich habe eine Klasse übersprungen. Aber in der Prüfung, die man früher ablegen musste, um aufs Gymnasium zu kommen, bin ich als Einzige durchgefallen . Ich habe eine solche Angst zu versagen.

ZEITmagazin: Wie kam es, dass Sie dann doch noch zum Casting gingen?

Berben: Ich hatte das Buch auf dem Tisch und fragte mich: Wie stelle ich es nur an, dass ich das spielen kann? Also rief ich Susanne Schneider an, die Regisseurin, die sagte: Es gibt ein Casting, ist das ein Problem? Ich habe dann Terminprobleme vorgeschoben, weil ich dachte, das kriege ich nicht hin. Am Ende habe ich es doch gewagt. Aber es fiel mir schwer, auch weil ich wusste, dass Katharina für die Rolle schon feststand. Und dann entpuppte sie sich als diese Kampfmaschine. Ich dachte mir: Was für ein blödes Spiel! Es dauerte mehrere Stunden. Katharina hatte eine unglaubliche Kraft – dieses Gegen-die-Tür-Schlagen!

Schüttler: Bam! Bam! Bam! Ich habe gar nicht mehr aufgehört. Statt Iris beziehungsweise Judith zu schlagen, habe ich die Tür malträtiert.

Berben: Irgendwann bin ich in Tränen ausgebrochen, das stand zwar nicht im Drehbuch, aber es passte zur Rolle. Man macht da ja eine merkwürdige Katharsis durch, mir gelingt ohnehin nie die Trennung zu meinem Privatleben. Am Ende sagte Susanne: "Sie hören von uns." Ich dachte, das war’s. Und habe es überhaupt nicht verstanden, als sie zwei Tage später anrief, um mir zu sagen, dass ich es bin. Ich weiß ja auch, welche Klischees es über mich gibt: Die ist mainstreamig, die ist populär.

Schüttler: Die sieht immer gut aus.

Berben: Es ist in Deutschland eher ein Hindernis, wenn du weißt, wie man sich passend anzieht. Ich finde diese Vorurteile gnadenlos. Meine Agentur hat früher zu mir gesagt: "Du musst dich beim Casting anders anziehen und die Haare nicht so oft waschen." Das habe ich kategorisch verweigert. Übrigens, als die Zusage kam, dachte ich sofort: Na klar, mich nehmen sie für die Quote.

Schüttler: Und als ich hörte, dass Iris die Mutter spielt, dachte ich: Quote schön und gut, aber das ist doch die falsche Öffentlichkeit für diesen Film!

Berben: Es war wirklich nicht zu übersehen, Katharina.

Schüttler: Den ganzen Dreh über ging es mit uns so weiter. Ich dachte, Iris, du magst mich nicht. In solchen Situationen werde ich ganz unsicher und verschließe mich. Wir haben sechs Wochen miteinander gedreht, wir sind in den Ring gestiegen und haben gespielt ohne Rücksicht auf Verluste. Wir haben zusammen zu Mittag gegessen, im selben Hotel gewohnt – und hatten dennoch kaum Kontakt außerhalb des Filmsets.