In einer Livesendung des iranischen Staatsfernsehens erteilt ein Mullah geistliche Ratschläge. Eine Anruferin spricht über ihr Eheproblem, dann sagt sie plötzlich: "Zufällig heißt mein Mann Mir Hussein Mussawi, genauso wie der neugewählte Präsident." Der Moderator versteinert; die Sendung wird unterbrochen.

Auf Geldscheinen ist jetzt öfter ein grünes Victory-Zeichen zu sehen oder der Schriftzug "Nieder mit der Diktatur". Oder ein kleines Porträt von Neda, der bekanntesten Toten aus den Tagen nach der Wahl im Juni. Die Aufdrucke wirken professionell, die Anleitung dazu kursiert im Internet.

Ein Fußballspiel in Isfahan, viele Zuschauer tragen Grün. Die Fernsehkameras versuchen, die Bilder auszusparen. Allerdings ist Grün auch die Farbe des Isfahaner Clubs; der Verein wird aufgefordert, sich eine andere Farbe zu suchen.

Die Demokratiebewegung bleibt sichtbar in Iran, trotz Repression, Folter, Schauprozessen. Sie ist nicht stark genug, der Regierung Ahmadineschad in den Arm zu fallen. Aber sie ist stark genug, das Land in Anspannung zu halten. Weil Versammlungen verboten sind, werden offizielle Anlässe gleichsam unterwandert, wie am vergangenen Freitag: Beim antiisraelischen Quds-Aufmarsch hielten Zehntausende die Finger hoch zum Victory-Zeichen, verlangten die Freilassung inhaftierter Reformer. An diesem Tag hat sich eine Erfahrung wiederholt, die bereits im Juni die Psychologie der Gesellschaft veränderte: Es ist möglich, auf die Straße zu gehen und Verboten zu trotzen. Es ist gefährlich, aber es ist möglich.

Eine andere verborgene Kraftquelle nährt die grüne Bewegung: Sie hat in vielen Familien die Generationen versöhnt, hat die Kluft überbrückt zwischen den Alten, die vor 30 Jahren die Revolution machten, und den Jungen, die unter dem Ergebnis leiden. Nun reden Söhne wieder mit ihren Vätern.

Im Teheraner Laleh-Park stehen jeden Samstagnachmittag schweigend und schwarz gekleidet die Mütter von Getöteten. Um sie herum weitere Frauen, in stummer Solidarität. Auf einer Liste von 72 Toten, die namentlich bekannt sind, finden sich auch Arbeiter, Schuhverkäufer, kleine Angestellte. Wie sich die Fronten verhärten, das ist an der Verletzung bisher geltender Tabus ablesbar. Mohammed Chatami, der Ex-Präsident, wurde am vergangenen Freitag zu Boden gestoßen, seines schwarzen Turbans beraubt. Schon vorher hatte der gewöhnlich milde Chatami dem Regime "faschistische" Methoden vorgeworfen.

Hinter solche Taten, hinter solche Worte gibt es kaum ein Zurück mehr. Die Ereignisse in Iran wälzen sich mit einer zähen Unerbittlichkeit voran. Nur wohin? Und kann überhaupt jemand diesen Prozess steuern?

Die Jungen hoffen auf die große Wende, die Älteren fürchten das Chaos

Die Jungen, die Studenten, deren Kreativität die Ästhetik der Bewegung prägte, brennen immer noch in der Hoffnung, dass sich bald etwas Großes tut, eine radikale Wende – im System wie in ihrem Leben. Besonnenere Iraner haben hingegen Angst vor einem Machtvakuum, wenn das Regime zu rasch zerfallen sollte.