Kann das sein: 75? Auf seinem Flügel dampft ja stets ein Tässchen Kamillentee vor sich hin, ist das der Grund für so viel Frische? Daneben liegt dieses schwarze Buch, das ebenfalls an keinem Abend fehlt. Bevor das Konzert beginnt, trägt es ein Assistent herein wie ein Ministrant das Messbuch. Aufgeschlagen legt er es neben die Teetasse auf den schwarzen Flügel. Es ist ein dickes Buch mit den Texten seiner Lieder. Gut, man hat ihm die Schrift im Laufe der Zeit ein bisschen größer gesetzt. Aber 75? Glaubt man nicht.

"Einfach ich 2009" hat er die Tournee genannt, für die er in diesen Monaten unterwegs ist und deren Vorbereitungen und erste Auftritte wir mit einem Filmteam begleiten. Berlin, Hamburg, Wien, Zürich. Nur die größten Hallen, jeden Abend ein ausverkauftes Haus. Bei den Zugaben drängen Tausende zur Bühne, manche weinen, andere singen ergriffen mit. 75! Vielleicht ist es ja wirklich seine letzte, allerletzte große Tournee.

Udo Jürgens hatte vorgeschlagen, mit der Kamera von Anfang an dabei zu sein, schon im Januar bei den Proben im Hotel Kronenhof am Stadtrand von Zürich. Eine Herberge mit Fernfahreratmosphäre, wo das Bier noch in große Krüge fließt, aber auch mit einer holzgetäfelten Tanzdiele, die schon viel erlebt hat. Also hat Orchesterchef Pepe Lienhard die beiden Trucks mit 40 Tonnen Technik herkommen lassen. Einen Tag später stößt der Meister dazu. Das Kamerateam hat ihn in seinem Haus in Zumikon abgeholt und ist spät dran. "Man stiehlt den Menschen nicht das Wertvollste, was sie haben, die Zeit", mahnt Udo Jürgens vom Beifahrersitz aus, und plötzlich klingt seine Stimme streng. Es bleibt über Monate das einzige Mal. Dann ist er auch schon im Kronenhof durch die Tür und nimmt Pepe und sodann die junge Geigerin in den Arm: "Willkommen zurück!"

Es sei schon etwas Besonderes, in einer solchen Gemeinschaft zu leben, meint Jürgens, der kurz aufschreckt, als hinter ihm der Schlagzeuger intensiv zu trommeln beginnt. "Wir erleben unglaubliche Turbulenzen. Auf jeder Tournee bis jetzt ist eine Liebe entstanden, eine Ehe und auch ein Kind." Manche, die geheiratet hätten, seien schon wieder geschieden oder auch wieder zusammen. "Es ist eben ein Spiegel des Lebens." Was rät er, wenn ihm ein Musiker sagt, nicht mehr nach Hause zu wollen? Jürgens macht eine Pause, wer ist schon Experte in diesen Dingen? "Jeder hat das Recht, sich zu verlieben oder sich nicht zu verlieben", sagt er dann. In einem seiner Lieder singt er: "Ich habe lieber mit Sündern gelacht als mit Heiligen geweint."

Auf einer Tournee kommt ihm niemand näher als Nicolaus Dumba. Das gut 50 Seiten starke "Tour Itinerary" mit allen Daten, Städten, Hotels und Handynummern der Crew führt Nici Dumba als "Assistenz UJ". Der Freund seit über vier Jahrzehnten bewacht auch das Allerheiligste, die Garderobe von UJ. Meist handelt es sich dabei um ein kahles Zimmer in den Katakomben der Konzerthalle, das Dumba in einen "Dressingroom" verwandelt, indem er den silberfarbenen Überseekoffer mit dem Smoking und den Lackschuhen hineinschiebt.

 

Zum Schluss packt er den legendären Bademantel aus. Sie sprechen wenig. Brauchen sie nicht mehr. Der Countdown, noch zehn Minuten. In der Berliner O2 Arena wollen 11.000 nicht länger warten. Das Orchester spielt, die Hinterbühne ist dunkel. Taschenlampen leuchten UJ den Weg zu seiner Position am Rand des Vorhangs. Ein Blick ins Publikum, sind die Ränge wirklich gefüllt?

Wenn er die Bühne betrete, sagt Udo Jürgens, sehe er nicht mehr viel. "Ich stehe dann in einem Lichtdom, es ist wie auf der Autobahn, wenn sechs Lastwagen ihre Scheinwerfer aufgeblendet haben." Es habe etwas Schützendes. "Ich bin zwar allen Blicken ausgesetzt, aber ich spüre das nicht. Ich fühle mich angenehm isoliert. Trotz der vielen Menschen, die ich hören kann, empfinde ich einen Augenblick der Stille."

Zum Ende des Konzerts hält Nicolaus Dumba ihm hinter der Bühne den weißen Bademantel auf. Manchmal sieht es so aus, als könnte seine schlanke Gestalt ganz darin verschwinden. Ihn fröstelt leicht, dann holt ihn der Applaus an die Rampe zurück.

"Unfassbar" – das Wort benutzt er gern, wenn eigentlich nichts mehr zu sagen ist, wenn man nur noch staunen kann. Unfassbar, das alles. Am 30. September wird Udo Jürgens 75 Jahre alt.