Muss man das glauben? In Hamburg regieren Schwarz und Grün, in Berlin Rot und Rot, in Thüringen verhandeln Rot, Rot und Grün, im Saarland außerdem noch Schwarz, Gelb und Grün. Die Welt der Parteien ist bunt geworden, die Vielfalt spiegelt die Interessen einer ausdifferenzierten Gesellschaft. Nur zur Bundestagswahl ziehen sich die Parteien in ihre Schneckenhäuser zurück. Die Gelben wollen nicht mit den Roten, die Grünen nicht mit den Gelben und die einen Roten nicht mit den anderen Roten. Vorerst jedenfalls nicht.

Selbst wenn man die heiligen Eide glaubt – oder genauer: Gerade wenn die Ausschlussklauseln, die FDP, Grüne und SPD aufgestellt haben, ernst gemeint sind, schaden sie der Demokratie und sind schlecht für den Wähler. Denn die Demokratie lebt von der Fähigkeit zum Kompromiss. Die Wähler müssen sich auf diese Kompromissfähigkeit verlassen können. Sie ist in einem Fünf- oder Sechsparteiensystem noch mehr gefordert, als wenn nur drei oder vier Parteien im Parlament vertreten sind.

Um nicht missverstanden zu werden: Dies ist kein Plädoyer für Beliebigkeit und schon gar nicht für einen Wortbruch. Ein Versprechen, das eine Partei vor der Wahl gibt, sollte sie nach der Wahl tunlichst auch halten – wer anders rechnet, frage Andrea Ypsilanti. Aber besser wäre es, die Parteien verzichteten auf derartige Kindereien.

Der Fall der FDP ist besonders augenfällig. Vier Jahre lang hat Guido Westerwelle daran gearbeitet, die FDP als eigenständige Kraft zwischen CDU/CSU und SPD zu positionieren. Nun kettet er sich und seine Partei sieben Tage vor der Wahl fester denn je an die Union. Um der Klarheit willen? Von wegen! Die ohnehin illusorische Forderung der FDP nach umfangreichen Steuersenkungen wird zur Trennlinie eines künstlichen Lagerwahlkampfs.

Was hätte den FDP-Chef daran gehindert, mit drei einfachen Sätzen in die Wahl zu ziehen? 1. Wir kämpfen für Steuersenkungen. 2. Wir kämpfen für eine schwarz-gelbe Koalition, weil wir unser Programm am ehesten mit der Union verwirklichen können. 3. Wenn es für Schwarz-Gelb dennoch nicht reicht, versuchen wir eine andere Mehrheit für unser Programm zu finden. Die Antwort ist verräterisch. Westerwelle, heißt es, hätte riskiert, all die enttäuschten Unionswähler, die die FDP zuletzt eingesammelt hatte, wieder zu verlieren. Mag sein, so überzeugend scheint das FDP-Programm dann doch nicht zu sein. Nur: Was hat das mit Klarheit oder Glaubwürdigkeit zu tun? Die FDP sucht einen taktischen Vorteil – das ist ihr gutes Recht. Sie kleidet diesen Vorteil in ein moralisches Argument – das ist billig.

Hilfreich ist die "Ausschließeritis" bestenfalls bis zum Wahlabend, Punkt 18 Uhr. Von 18.01 Uhr an verbauen die Festlegungen Optionen – und verhindern Politik. Wer jedes Dreierbündnis von vornherein ausschließt, befördert am Ende die Große Koalition. Auch das ist ein fragwürdiges Resultat – und bestimmt nicht im Sinne der meisten Wähler.

Grundsätzlich gilt: In einer Demokratie sollten alle demokratischen Parteien miteinander koalitionsfähig sein; die Linke mag vorerst eine Ausnahme bleiben. Das heißt nicht, dass am Ende auch jeder mit jedem koaliert. Regierungsbündnisse leben in der Regel von einem Höchstmaß an Übereinstimmung. Mitunter gelingt es Koalitionen aber auch, Widersprüche zu versöhnen und Gräben zu überwinden. Diese Chance haben FDP, Grüne und SPD für dieses Mal ausgeschlossen. Hoffentlich zum letzten Mal.