Frei von Scheu und Skrupel fragt Angelo in einem Internetforum: "Womit lasse ich mich am besten zwei Wochen krankschreiben?" Abschätzig attestiert man ihm dort zunächst "Drückeritis" oder "Sozialschmarotzertum". Doch wenig später erhält er eine erste für ihn hilfreiche Antwort: Das Klagen über Durchfall führe meist problemlos zu einer Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit (AU). Ein anderer Rat lautet: "Depris kommen immer gut."

Die Jagd nach dem gelben Schein kennt keine Grenzen, und einige Mediziner stellen ihn fast schon resigniert aus. "Die große Zahl von Ärzten macht es wahrscheinlich, dass ein Versicherter, der sich ungerechtfertigt krankschreiben lassen will, einen Arzt findet, der dies auch macht", sagt Gert Nachtigal von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände .

In Westfalen war jeder Zweite, der überprüft werden sollte, plötzlich gesund

Es rumort auch in Medizinerkreisen – Ärzte kritisieren Ärzte. "Es kann so nicht weitergehen", sagt Professor Andreas Stevens, Neurologe und Psychiater an der Universität Tübingen und Beratungsarzt mehrerer Berufsgenossenschaften. Der 50-Jährige hat deshalb gemeinsam mit Kollegen bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) kritische Daten vorgelegt und auf den Schaden durch unbegründete AU-Atteste hingewiesen.

Es geht zum einen um Solidarität des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. Es geht aber auch um das ärztliche Berufsethos, um den Konflikt zwischen ökonomisch motivierter Patientennähe und gesellschaftlicher Verantwortung, zwischen Gefälligkeit und medizinischer Sorgfalt.

Die Bundesagentur für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schätzt anhand der Daten von rund 30 Millionen Versicherten, dass im Jahr 2006 ein Verlust von 65 Milliarden Euro an Bruttowertschöpfung durch Arbeitsunfähigkeit entstanden ist. Gut ein Zehntel davon sei auf den Ausfall durch psychische und Verhaltens-Störungen zurückzuführen. Allein im Zeitraum 1997 bis 2004 stieg die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Störungen um 69 Prozent, sagt Stevens. In seinen Augen sind längst nicht alle Fehltage gerechtfertigt.

"Atteste werden in 87 Prozent der Fälle ausgestellt, selbst wenn sie für den Arzt nicht indiziert sind
Ernst Zeller, Professor an der Juristischen Fakultät der Universität Zürich

"Die Vorgaben des Gesetzgebers sind eindeutig, und es ist auch geregelt, dass die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung eine gutachtliche Äußerung ist, die besonderer Sorgfalt bedarf", sagt Stevens. Doch in der Praxis werde dies fast nie eingehalten, insbesondere AU-Bescheinigungen wegen psychischer Diagnosen wie Depressionen würden häufig ohne Untersuchung und ohne nachvollziehbare Begründung ausgestellt. Einem Bericht der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Berliner Charité zufolge stuften Zweitgutachter 75 Prozent der Patienten mit psychosozialen Problemen als arbeitsfähig ein, obwohl diese davor eine AU-Bescheinigung erhalten hatten. Dass dies kein typisch deutsches Phänomen ist, zeigt der Blick in die Schweiz . "Laut einer Studie werden Atteste in 87 Prozent der Fälle ausgestellt, selbst wenn sie für den Arzt nicht indiziert sind", sagt Professor Ernst Zeller von der Juristischen Fakultät der Universität Zürich. Zeller will nun gemeinsam mit Stevens auf Aufklärung und Transparenz setzen.