Die Kunst im öffentlichen Raum ist auf den Hund gekommen. Beziehungsweise auf den Bären, auf die Kuh und den Löwen. Hässlich angepinselte Plastiktiere, die Fußgängerzonen belagern und Innenstädte zumüllen: So sieht er aus, der öffentliche Raum, wenn wir ihn von Geschäftsinitiativen und Stadtwerbern gestalten lassen. Wehren tun sich gegen die Gehwegbarrikaden des schlechten Geschmacks allein die Street-Artists mit ihren Graffiti und Schablonenbildern. Und jetzt erstaunlicherweise auch die Berliner Galeristen.

In ihrer am Mittwoch in der Berliner West-Akademie der Künste eröffneten Leistungsschau ABC DEF zeigen sie 64 Modelle für Skulpturen und Installationen. Die ersten Buchstaben des Alphabets stehen in diesem Fall für: Art Berlin Contemporary und Drafts Establishing Future. Es soll, so das vollmundige Versprechen der Initiatoren (zu denen etwa die international erfolgreichen Max Hetzler, Tim Neuger und Esther Schipper gehören), um Utopien gehen, um Entwürfe, die die Zukunft des urbanen Raums begründen. Und zwar jeweils auf zwei mal einem Meter, das war die formale Vorgabe.

So groß sind nämlich die Tischplatten, die auf das in Kunstschulen wie Architekturbüros überaus beliebte Stahlrohrgestell des Architekten Egon Eiermann passen. Und so stehen nun 64 Eiermann-Tische in der Akademie der Künste, auf denen es sehr unterschiedlich wimmelt, und lassen ein wenig Kunstleistungskurs-Atmosphäre aufkommen. Viele der hier ausgestellten Künstler haben sich an dem Eiermann-Tisch selbst abgearbeitet, haben ihn in ein Säurebad getaucht (Pawel Althamer) oder das Stahlrohrgestänge zersägt und in ein Gewehr umgebaut (Korpys/Löffler). Jörg Herold hat mit seinem Tisch eine ganze Eiermannbarrikade inszeniert: Der Tisch ist umgeworfen und von Schrotkugeln durchsiebt, so als habe er als Schutzschild vor einem Amokläufer gedient. Für ein Kunstwerk im öffentlichen Raum ist es ebenso schlecht geeignet wie die Großzahl der hier ausgestellten Werke. Nicht wenige Künstler scheinen heute, das zeigt dieser Versuch zum öffentlichen Raum, nicht über die Dimensionen eines überdachten Galerieraums oder privaten Sammlerzimmers hinausdenken zu wollen.

Eine Ausnahme bietet der Dirty Fountain von Monika Sosnowska, jener Künstlerin, die vor zwei Jahren den polnischen Pavillon auf der Biennale von Venedig bespielen durfte: Ihr Brunnen erinnert an ein unscheinbares Stück Stadtmöblierung der siebziger Jahre, jener Zeit also, als der Begriff von der "Kunst im öffentlichen Raum" geprägt wurde. Statt klaren Wassers spuckt der Brunnen von Sosnowska jedoch schwarze Brühe aus. Er soll, so die Künstlerin, an den hässlichen und vernachlässigten Orten der Stadt aufgestellt werden und dort für Aufmerksamkeit sorgen – ein in den Alltag hineingebauter Verfremdungseffekt.

Aufmerksamkeit wird sicherlich auch das megalomane Projekt des Provokünstlers Ralf Ziervogel erregen, falls es jemals realisiert wird. Auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof möchte er einen Kubus von 120 Metern Kantenlänge errichten, eine weiße Mega-Kaaba mit Namen Ecce . In der Akademie der Künste zeigt Ziervogel die bereits erarbeiteten Pläne der Statiker sowie Verbindungselemente für die Konstruktion. Weitaus graziler und hintergründiger wirkt daneben die Arbeit des 1970 in Frankreich geborenen Saâdane Afif: Auf einem Tragegestell hat er jenes Eisenskelett nachgebaut, das die New Yorker Freiheitsstatue von innen stützt. Wie bei einer Prozession kann man nun Lady Liberty’s Bones durch die Stadt tragen.

Die Erfinder der ABC DEF sind im Gespräch mit dem Land Berlin, am liebsten würden sie mit ihrer Ausstellung eine öffentliche Skulpturenschau in Berlin initiieren. Denn ihr verblüffendes Interesse am Öffentlichen hat nicht nur etwas mit dem Hass auf die weitverbreiteten Plastiktiere zu tun. Es ist auch eine Reaktion auf die Krise des Kunstmarkts und die Entwicklung der Kunstmesse Art Forum. Denn ursprünglich hatten die erfolgreichen Galeristen die Art Berlin Contemporary (ABC) als eine Gegenmesse zum Art Forum gegründet, weil ihnen dieses zu provinziell geworden war. Nun aber hat das Art Forum, das von heute bis Sonntag stattfindet, ein neues Leitungsteam bekommen: Eva-Maria Häusler und Peter Vetsch, die zuvor für die Art Basel gearbeitet haben. Die einst abtrünnigen Großgaleristen zeigten sich mit dem neuen Personal zufrieden und mieteten jetzt prominente Stände auf dem Forum, Neugerriemschneider etwa zeigt dort komplexe Foto- und Filmarbeiten des Briten Simon Starling, Max-Hetzler-Collagen und Skulpturen des Venezolaners Arturo Herrera. Es gibt also eigentlich keinen Bedarf mehr für die Gegenmesse ABC.

Statt die gerade erst geschaffenen Strukturen aber abzuschaffen, nutzen die Galeristen die ABC jetzt, um neue potenzielle Kunden zu gewinnen. Schließlich ist das Geschäft mit der zeitgenössischen Kunst in den vergangenen Monaten der Krise schwierig geworden, viele private Sammler halten sich zurück. Da ist es durchaus ratsam, der öffentlichen Hand ein paar Kunstprojekte vorzuschlagen. Der Staat hat, so mag mancher Galerist denken, ja auch die Großbanken gerettet. Und unsere Innenstädte können ein paar schmutzige Brunnen gut vertragen.