Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie sitzen in einem Seminarraum an der Uni und füllen einen Fragebogen aus, ein anderer Teilnehmer im Raum tut das Gleiche. Plötzlich steht er auf, schnappt sich einen Computer-Speicherstick, der am Jackenständer hängt, und fragt dreist: "Ist das Ihrer? Nein? Dann ist es jetzt meiner." Widersprechen Sie? Melden Sie den Diebstahl dem Versuchsleiter, sobald er wiederkommt?

In Befragungen behauptet etwa jeder Zweite, er würde in einem solchen Falle Zivilcourage zeigen und den Missetäter zur Rechenschaft ziehen. Doch Psychologen der Universität Göttingen wollten es genauer wissen: Sie stellten die Situation an ihrer Universität nach und beobachteten, wie ihre Probanden reagierten. Ergebnis: Gerade mal drei von zwanzig Studienteilnehmern stellten sich dem vermeintlichen Dieb in den Weg.

Wie Menschen handeln, hat also oft nicht viel mit dem zu tun, was sie sagen. Dennoch beschränken sich nahezu alle psychologischen Studien zum Thema Zivilcourage auf Befragungen; man gibt hypothetische Situationen vor und registriert die Antworten der Probanden. "Das ist Quatsch, darauf kann man sich überhaupt nicht verlassen", folgert der Göttinger Psychologie-Professor Stefan Schulz-Hardt aus seinem Experiment.

Diese Art von Lebensferne ist symptomatisch für die psychologische Forschung. Vor Jahrzehnten organisierten ihre Vertreter mitunter erschreckend realistische Studien (siehe Kasten), heute lassen sie ihre Probanden meist nur noch Fragebögen ausfüllen oder am Computer Aufgaben bearbeiten. Der Psychologe Roy Baumeister, einer der meistzitierten Vertreter seines Fachs, höhnt über diese Herangehensweise: "Menschliches Verhalten findet praktisch immer im Sitzen statt, gewöhnlich vor einem Computer. Fingerbewegungen wie beim Tippen oder Ankreuzen mit einem Stift machen den Großteil menschlicher Aktivität aus."

Belege für diesen Trend findet Baumeister etwa im Journal of Personality and Social Psychology , der führenden Fachzeitschrift der Sozial- und Persönlichkeitspsychologie. Als Baumeister mit einigen Kollegen kürzlich diverse Nummern des Journals auswertete, zeigte sich, dass nur 20 Prozent der jüngsten Studien sich mit echtem Verhalten befassten. Vor drei Jahrzehnten waren es noch 80 Prozent.

Dabei waren es gerade die lebensnahen Experimente der Vergangenheit, die überraschende Erkenntnisgewinne brachten und bis heute als Marksteine der Psychologie gelten. Heute dagegen wird ein Großteil der psychologischen Forschung so geplant, dass man mit bescheidenem Aufwand schnell viele Daten sammeln kann. Das ist für viele Fragestellungen sinnvoll, für viele andere jedoch keineswegs. Ironisch kommentiert der emeritierte Hamburger Psychologie-Professor Kurt Pawlik diese Entwicklung: Früher sei die Psychologie gerne als "Seelenwissenschaft ohne Seele" verspottet worden, heute könne man sie als "Verhaltenswissenschaft ohne Verhalten" bezeichnen.