Dieses Schuhwerk hatte Glück, denn es landete nicht auf dem Müll, sondern auf einem Pariser Flohmarkt. 1886 entdeckte der junge Maler Vincent van Gogh das ausgelatschte Paar und schleppte es mit in sein Atelier am Montmartre. Selbst getragen hat er es angeblich nur ein einziges Mal, aber van Gogh wollte in den Schuhen auch nicht laufen, er wollte sie malen. Daraus wurden die berühmtesten Schuhe der Kunstwissenschaft und das Lieblingsobjekt der philosophischen Ästhetik. Bis heute trainieren Wissenschaftler an diesem Meisterwerk ihre Deutungskunst, und es gibt kaum ein Werk, das so unauflöslich mit seinen Interpretationen "vernäht" ist wie van Goghs Ein Paar Schuhe.

Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum hatte nun die schöne Idee, an diese wechselvolle Geschichte zu erinnern, und dafür genügt dem Haus ein einziger Raum. In der Blickachse des Besuchers hängt wie ein Altarbild van Goghs Ein Paar Schuhe, von allen Seiten bedrängt und belagert von sinnfälligen Zitaten und ausgreifenden Deutungen. In Zeiten, in denen das Publikum ausdauernd über "Präsenz" schwadroniert und selbst winzige Theorie-Fetzen als Anschlag auf die seelische Unversehrtheit des Kunstwerks gelten, ist das natürlich ein kühnes Unterfangen. Aber der Kölner Plan geht auf. Das Gemälde verliert nicht sein Geheimnis, im Gegenteil, die Theorie intensiviert die Betrachtung, das Bild wird immer rätselhafter, je mehr Lesarten auf es einstürmen.

Warum sind die Schuhe unterschiedlich geschnürt? Ist es überhaupt ein Paar?

Den Stein ins Wasser geworfen hatte Martin Heidegger (1889 bis 1976) mit seinem berühmten Aufsatz Der Ursprung des Kunstwerks aus dem Jahr 1960, der mehrere Einzelarbeiten zusammenfasst. Seine Beschäftigung mit van Goghs Ein Paar Schuhe geht bis auf das Jahr 1930 zurück; der Philosoph hatte das Bild in Amsterdam im Stedelijk-Museum entdeckt und ihm 1935 in Freiburg einen Vortrag gewidmet. Noch immer ist es lohnend, Heideggers in Granit gemeißelte Bildbetrachtung in Erinnerung zu rufen:

"Aus der dunklen Öffnung des ausgetretenen Inwendigen des Schuhzeugs starrt die Mühsal der Arbeitsschritte. In der derbgediegenen Schwere des Schuhzeugs ist aufgestaut die Zähigkeit des langsamen Ganges durch die weithin gestreckten und immer gleichen Furchen des Ackers (…). Auf dem Leder liegt das Feuchte und Satte des Bodens. Unter den Sohlen schiebt sich hin die Einsamkeit des Feldesweges durch den sinkenden Abend. In dem Schuhzeug schwingt der verschwiegene Zuruf der Erde (…) Durch dieses Zeug zieht das klaglose Bangen um die Sicherheit des Brotes, die wortlose Freude des Wiederübstehens der Not, das Beben in der Ankunft der Geburt und das Zittern in der Umdrohung des Todes. Zur Erde gehört dieses Zeug und in der Welt der Bäuerin ist es behütet."

Van Goghs Bild, so lautete Heideggers Gedanke, holt in die "Unverborgenheit", was von den Routinen des Alltag und dem Gebrauch der Dinge verdeckt wird. Es zeigt unseren verborgenen Bezug zur Erde und zur Welt, setzt die Wahrheit "ins Werk" und hält die Welt "offen". Schönheit ist eine "Weise, wie Wahrheit west".

Und doch – so eindrucksvoll Heideggers Deutung auch klang, nach den monströsen deutschen Großverbrechen und den technoiden Rasereien des Zweiten Weltkriegs klang seine Idyllenmalerei für viele Zeitgenossen ausgesprochen frivol. Es regte sich Widerstand, und den gewichtigsten Einspruch formulierte der amerikanische Kunsthistoriker Meyer Schapiro. Für ihn war Heideggers überzeitliche Deutung der Schuhe längst historisch geworden. In einem Aufsatz aus dem Jahr 1968 warf Meyer Schapiro (1904 bis 1996) dem Philosophen vor, das Malerische an der Malerei zu ignorieren und van Gogh als Vorwand für seine raunenden Fantasien zu missbrauchen, für das tremolierende "Pathos des Ursprünglichen und Bodenständigen". Weihevoll, so Meyer Schapiro, lese Heidegger aus ein paar ausgelatschten Schuhen genau die dunkle Seinsphilosophie heraus, die er vorher stillschweigend, sozusagen auf leisen Sohlen, in sie hineingelegt habe. Auch in der Sache sei Heideggers Deutung falsch. Die Schuhe hätten nie einer Bäuerin gehört, sondern einem Städter, und sie seien imprägniert vom Leben ihres Malers - von der schwärenden Pilgersehnsucht des Vincent van Gogh.

Meyer Schapiros Angriff ließ wiederum den französischen Philosophen Jacques Derrida nicht ruhen. Derrida war kein Freund von schlichten Oppositionen, sein Genie bestand gerade darin, Gegensätze aufzulösen, zu dekonstruieren und zu unterlaufen. Derrida war überzeugt, die Wahrheit des Bildes liege nicht zwischen Heidegger oder Schapiro, sie liege jenseits beider Positionen. In einem langen und schwierigen Aufsatz suchte Derrida (1930 bis 2004) Mitte der siebziger Jahre eine Haltung, die das Kunstwerk ästhetisch ernst nehmen sollte – eben als Malerei und nicht als Bebilderung einer philosophischen oder kunstwissenschaftlichen Meinung. Und nebenbei fragte Derrida: Handelt es sich überhaupt um ein Paar Schuhe? Sind es nicht zwei linke Schuhe? Und warum sind sie unterschiedlich geschnürt?